Vor einiger Zeit ist mir das folgende Buch in die Haende gefallen:
Shotokan's Secret: The hidden truth behind Karate's fighting origins.
Bruce D. Clayton, Ohara Publications 2006
Uebersetzt so in etwa: "Das Geheimnis des Shotokan Karate: Die versteckte Wahrheit hinter der kaempferischen Herkunft des Karate".
Hinter dem etwas reisserischen Titel des Buches versteckt sich eine unglaublich genaue historische Analyse des Okinawa und Japan des 19. Jahrhunderts, welche den Autor zu einer voellig neuen und sehr kontroversen Theorie ueber die Entstehung des Shotokan Karate fuehrt; die Theorie wird durch teilweise "unglaubliche" Bunkai Interpretationen gestuetzt. Das Buch ist leider nur auf englisch erhaeltlich. Moeglicherweise haben es einige von Euch dennoch gelesen und sich eine Meinung gebildet. Ich finde die Theorie so interessant, dass ich Euch zumindest eine kurze Zusammenfassung geben moechte- als Denkanstoss sozusagen
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Wie wir alle wissen, sind die Wurzeln des heutigen Shotokan Karate im Shuri-Te zu suchen, einer Kampfkunst, welche vor allem im 19.Jahrhundert auf Okinawa gepraegt wurde. Okinawa war zu der Zeit eine konflikttraechtige Insel: Sowohl China wie auch Japan erachteten sich als legitime Besitzer von Okinawa. Die im 19. Jahrhundert herrschenden okinawanischen Koenige der Sho-Dynastie mussten sowohl an China wie auch Japan Steuern bezahlen. Japan entsandte zudem bewaffnete Satsuma-"Fuersten", um die Koenige von Okinawa zu uebewachen. Auf Okinawa waren Waffen seit dem 17. Jahrhundert verboten.
Japan selber wurde zu jener Zeit von Shogun (Kriegsherr) Tokugawa regiert. Unter dem Tokugawa Regime hatte jeder Japaner seine genau definierte Stellung innerhalb der Gesellschaft, seine definierte Kleidung, seine definierten Berufe, seine definierten Handgriffe. Tanzte jemand aus der Reihe, wurden er, seine Familie und manchmal sogar sein ganzes Dorf brutal bestraft (diese Mentalitaet finden wir noch heute in manchen Karateclubs wieder, wo fuer das "Vergehen" eines Einzelnen der ganze Club Liegestuetze macht). Auch war jeglicher Kontakt mit dem Ausland verboten. Gleichzeitig landeten aber auf Okinawa viele nordamerikanische Walfaenger, was naturgemaess zu Konflikten fuehrte.
Die Okinawanischen Koenige waren in einer schwierigen Situation: Sie wurden von bewaffneten Satsuma Fuersten ueberwacht und fuer geringste Vergehen bestraft. Gleichzeitig mussten sie, voellig unbewaffnet, ankommenden nordamerikanischen Walfaengern den Zutritt zu ihrem Territorium verwehren. Dies gelang ihnen kaum, die Amerikaner waren stetige unwillkommene Gaeste. Die Okinawaner mussten ihren Koenig somit ueber Jahre ohne Waffen gegen eine Unzahl aggressiver, bewaffneter und manchmal betrunkener Gegner beschuetzen. Im Jahre 1853 erzwang sich sogar ein nordamerikanischer Kapitaen names Perry mit einem Batallion Marines gewaltsam Zutritt zum Schloss Shuri.
Der Koenig von Okinawa hatte in seiner administrativen Funktion natuerlich etliche mehr oder weniger vertraute Angestellte wie Minister, Sekretaere oder andere Beamte. Unter den Namen dieser Beamten finden sich viele bekannte Namen aus der Geschichte des Karate, wie Sokon Matsumura und sein Schueler Itosu, einer der spaeteren Lehrer von Gichin Funakoshi. Matsumura hatte waehrend Jahrzehnten den Posten des Kriegsministers des Koenigs inne.
Auf diesen und vielen mehr minuzioes recherchierten historischen Fakten beruht die Theorie des Autors. Matsumura, als Kriegsminister einer unbewaffneten und von zwei Laendern unterworfenen Nation, war verpflichtet, den Koenig zu beschuetzen. Die damaligen unbewaffneten Kampfkuenste Okinawas basierten mehrheitlich auf dem chinesischen Kung Fu. Im Kung Fu, als von Moenchen entwickelte Kampfkunst, finden sich viele Buddistische Prinzipien. Ein Gegner wird grundsaetzlich nicht zerstoert, sondern mit Hebeln, Wuerfen und Vitalpunkttechniken "unterworfen". Matsumura erkannte, das diese Kampfkunst sich nicht fuer seine Zwecke eignet. Matsumura brauchte eine Kampfkunst, welche es einem trainierten Kaempfer ermoeglicht, sich gegen eine grosse Anzahl bewaffneter Gegner zu wehren, den Koenig in Sicherheit zu bringen und die Gegner von einer Verfolgung abzuhalten. Er entwickelte also seine "eigene" Kampfkunst, welche genau auf seine Beduerftnisse einging. Daraus entwickelte sich das Prinzip des "Hikken Issatsu", toeten mit einem Schlag. In einem Kampf gegen mehrere Gegner kann man nicht gut werfen und auch nicht wrestlen- man muss in der Lage sein, jedwelchen Gegner innert 1-2 Sekunden kampfunfaehig zu machen, ohne selber geschlagen oder zu Boden gerungen zu werden. Diese neue Kampfkunst unterrichtete Matsumura den Beamten des Koenigs, welche gleichzeitig als Bodyguards fungierten.
Die Analyse des Autors bezieht sich auch auf seine Interpretation der Karate Bunkais. Die Shotokan Kata sind, wie die Kata kaum einer anderen Karate Stilrichtung, voll von Kaempfen gegen mehrere Gegner, entweder gleichzeitig oder kurz nacheinander. Es kommen Techniken vor, um das Moment einer angreifenden Gruppe zu zerstoeren (erste Bewegung Bassai-Dai). In den Tekki Kata scheint man mit dem Ruecken zur Wand (oder mit dem Ruecken zum Koenig?) zu kaempfen und sich nur seitlich entlang der Wand zu bewegen. Andere Kata Interpretationen beinhalten Blocks gegen "Rugby"-Style Angriffe (Schulter in den Bauch des Gegners rammen), Abwehren gegen Waffen inklusive Schwert und sogar Gewehr mit Bajonett, die Entwaffnung eines Gegners, und viele mehr. Der Autor gibt viel detailliertere Analysen, als dass ich sie hier zusammenfassen koennte.
Der Autor gibt auch eine elegante Erklaerung der Tatsache, dass die Bunkai der Kata verloren gegangen sind. Der letzte Koenig von Okinawa ging etwa 1880 ins Exil nach Tokio. Der nun als Kriegsminister amtierende Itosu fuhr mit dem Unterricht des Shuri-Te im Geheimen fort, weil es seine Pflicht als Minister des Koenigs war. Ums Jahr 1900 aber verstarb der Koenig im Exil, und bald darauf begann Itosu, Karate oeffentlich in Schulen zu unterrichten. Das Bunkai -die Beschuetzung des Koenigs im Falle eines Angriffes einer bewaffneten Mehrheit- wurde schlichtweg nicht mehr benoetigt.
Die Hauptpunkte der Analyse:
- Shotokan Karate ist nich das Resultat einer zufaelligen, sondern einer beabsichtigten Entwicklung
- Shotokan Karate bereitet nicht auf den Angriff eines Gegners vor, sondern mehrerer Gegner.
- Shotokan Karate macht jeden Gegner in 1-2 Sekunden kampfunfaehig.
- Shotokan Karate ist nicht Selbstverteidigung, sondern Verteidigung einer anderen Pereson.
- Vitalpunkttechniken gingen nicht verloren, sondern wurden beabsichtigterweise ausgelassen. Gleiches mit Hebeltechniken und vielen Wuerfen.
Nun bin ich natuerlich gespannt, was eingefleischte Karate Historiker von diesen Theorien halten.
Osu,
Jion
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