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Die Ohrfeige von 1922


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#1 Fitzmeister

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Geschrieben 15 Februar 2011 - 23:46 Uhr

Anmerkung: Henry Plée, 10. Dan, gilt als einer der Pioniere des Karate in Europa. Seit Jahrzehnten verfasst er eine monatliche Chronik um das Thema Kampfkunst die im bekannten Szeneblatt "Karaté Bushido" erscheint.

Diese hier ist ist ganz frisch und gibt einen interessanten Einblick ins frühe 20. jahrhundert, als FUNAKOSHI Gichin das Karate überraschend kontrovers aus dem okinawaischen Tode entwickelte.

Die im Titel genannte "Ohrfeige" bezieht sich auf die Entscheidung des japanischen Kampfkunstbundes DNBK, FUNAKOSHIs Karate nicht als wahre Kampfkunst anzuerkennen...

Interessant genug scheint dieser Artikel auf jeden Fall zu sein, daher habe ich es aus dem französischen übersetzt; falls irgendwer was damit anfangen kann :)

Dabei begnüge ich mich einfach damit, seine Worte zu übersetzen, und distanziere mich daher von jeglichen Reklamationen ;)



Die Ohrfeige von 1922

"FUNAKOSHI HAT DAS OKINAWAISCHE TODE VERRATEN!" schrien die Meister aus Okinawa 1925, drei jahre nach Ankunft Funakoshis auf das japanische Festland. Ihn als Verräter zu beschimpfen klingt schon übertrieben extrem. Vielleicht hatten sie aber Recht, vielleicht auch waren sie neidisch vor Funakoshis Erfolg in Tokyo. All diese drei Gründe scheinen tatsächlich wahr zu sein.
Was ich euch nun mitteilen werde wird sicher ein paar ultraorthodoxe Sturköpfe erzürnen lassen, sowie jene die nicht weiter als ihre eigenen Fäuste schauen wollen. Ich bin dennoch entschlossen, gewisse Tabus zu brechen wenn dadurch offene Geister 5 wichtige Tatsachen begreifen können.

Warum gibt es "geheime Meister"? Warum wurden uns die Kyokun und Okuden so lange verheimlicht? Warum vergeuden wir Jahre unseres Lebens mit unnötigen Übungen? Warum ist das Dan-System immer noch ein Hindernis zum innerlichen Fortschritt? Warum ist das vegetieren im 1. Stadium(*) der kampfkünstlerischen Bildung so schadhaft?

Wir werden diese Fragen in weiteren Chroniken besprechen. Zunächst einmal sollte man sich anschauen, was die Meister aus Okinawa Funakoshi eigentlich vorwarfen um ihn einen Verräter zu nennen.


15 KATA IN 11 MONATEN

- ERSTENS warf man ihm vor, dass er, nachdem er vor Kronprinz Hiro Hito einen Schaukampf der Meister MOTOBU, KYAN, MABUNI und GUSUKUMA für seine Kommentare einkaiserliches Lob bekommen hatte, dieser mit seinen ca. 50 jahren Frau und Kinder verlassen hatte um auf dem Festland ein neues Leben anzufangen. Er erhoffte sich, durch das Lehren des Tode, mehr Freiheit, ein besseres Ansehen und bessere finanzielle Perspektiven als die, die sein bescheidenes Lehrergehalt ihm zuliessen (seine Gemahlin zog 23 jahre später, 1945, zu ihm und starb schon 1947. Dieser, ihn kurz nach dem seines Sohnes Yoshitaka treffende Verlust war ein sehr harter Schlag für FUNAKOSHI).

- ZWEITENS wurde er dank seiner Bildung sowie seiner Kenntnis der japanischen Sprache zum Vorsitzenden des "Okinawa Shobukai" (Verein der wahren Okinawaischen kriegerischen Künste). Ihm wurde vorgeworfen, die Kraft seines Amtes als "Chairman" der Shobukai missbraucht zu haben um in 11 Monaten mehrere Meister auf Okinawa besucht zu haben und in diesem Zeitraum 15 Katas erlernt zu haben - ein klarer -wenn auch eindrucksvoller- Verstoss gegen das damals geltende Prinzip "Ein Kaza das ganze Leben kann"

EINE WAHRE OHRFEIGE!

- DRITTENS klagten sie, FUNAKOSHI habe es im Mai 1922 zum 3. Mal nicht geschafft, das Tode vom DAI-NIPPON-BUTOKUKAI als Kampfkunst offiziell anerkennen zu lassen. Dieser sog. "Verband zur Erhaltung der kriegerischen Tugenden Grossjapans" wurde 1899 gegründet, um die "wahren", reinen Stile von den 700 während der Herrschaft der Tokugawa gegründeten Kampfkunstschulen wurden, auszusortieren, aber auch um die verliehenen Ehrentitel zu standardisieren (die Titel lauten Renshi, Kyoshi und Hanshi).

FUNAKOSHI versagte insofern in den Augen des Dai Nippon Butokukai, dass er nie gekämpft hatte und folglich als Kandidatur nur die Katas Koshokun (Kanku) und Naihanshi (Tekki) vorweisen konnte. Die Shihan des DNBK stuften dies herabschauend als Volkstanz in der Art der Tänze der Südseevölker (wie das bekannte Haka).

Mein Freund Donn DRAEGER wusste es, zeitlebens seine Zugehörigkeit zum US-Amerikanischen Geheimdienst zu nutzen um seine Recherchen im Archiv des DNBK (im Butokuden in Kyoto) während der Besatzung Japans führen zu können. Er bekam eine Fotokopie eines Dokumentes aus dem Jahre 1922, übergab sie Meister YAMADA Kintarô, der es vollständig in seinem Buch "JISSEN BUJUTSU-KA DEN" ("Offenbarung eines wahren Bujutsuka"). Allein dieser Titel verrät, wie sehr es ihm danach drängte, gewisse Geheimnisse nach 88 Jahren zu lüften. Sein Buch handelt von denen, die er als "Billig-KK-Hausierer" bezeichhnet: im Westen reich gewordene Karate- und Aikidomeister. Für diesen Veteranen aus den Reihen des Butokukai war Karate nur "energetisches Boxen aus Okinawa".

Die Schlussfolgerungen des BUTOKUKAI sind hart, aber technisch gesehen auch sehr interessant... wenn auch triefend vor Verachtung:

"Soll das ein wahres Bujutsu sein? Die Bewegungen sind zu linear, steif, berücksichtigen nicht die Topografie und sind daher unlogisch; das Kakuto-Bujutsu (**) hat nichts mit einem im Voraus erdachten Schaukampf auf Matten oder auf einer ebenen Fläche gemein! Was soll man mit solchen Körperhaltungen anfangen, wo diese doch den Körper den Schlägen der Feinde töricht preisgibt?! Man erkennt keinerlei Zusammenhang zwischen den Techniken mit und ohne Waffen. Euro Katas sind nichts weiter als Gymnastik, mit Kampf hat es nichts zu tun! Da diese vermeintliche Kampfkunst aus den Ryu-Kyu Inseln kommt, können wir es nur als einen lokalen Volkstanz einstufen, nicht aber als eine Kampfkunst die unseren kriegerischen Traditionen würdig wäre.

Wir können absolut nicht glauben dass die Bushi des Satsuma-Clan sich je durch solche Techniken hätten bedroht fühlen können. Wir wissen von keinem Beweis der belegen könnte, dass ein Samurai aus Satsuma bei der Annektion Okinawas gefallen ist, weder mit den blossen Händen, noch mit irgendwelchen Garten- und Feldwerkzeugen. Wie könnte das Eisen das für die Feldarbeit geschmiedet wurde sich gegen eine Waffe behaupten können, die für den Krieg geschaffen wurde?! Hören Sie mit den Spässen auf; sie können es doch nicht im Ernst behaupten?!
Glauben Sie sich mit dieser Art Tanzen fähig, im Kampf um Ihr Leben jemanden zu töten?! Wenn man ein Bujutsu praktiziert, muss man stets die Vernichtung des Gegners im Geiste haben! Wir können aus diesen Gründen unmöglich ihren Antrag zur Akkreditation ihrer vermeintlichen Kampfkunst gutheissem".



OKINAWAISCHE NAMEN DER KATAS GEÄNDERT

- VIERTENS wurde gerügt, er habe gegen ein wichtiges, fünf Jahrhunderte altes Gebot verstossen, wonach ein Kampfkünstler erst sein eigenes Dôjô gründen kann, wenn er 10 Jahre lang als Assistent (Kyoshi) eines Shihan war und jener ihm den Titel des Menkyo-Kaiden (***) verliehen hat. Diese Regel findet man interessanterweise auch im 18 Jahrhundert in Europa. In Frankreich und Italien gab es beispielsweise Fortschriften, wieviele Fechtschule es in den Stadtmauern geben dürfe. Der Stand der Fechtmeister bestimmte, welcher Meister eine Schule öffnen durfte, je nachdem wie gross die Bevölkerung der Stadt war. Wie auch immer, die Meister aus Okinawa warfen FUNAKOSHI vor, dieses Gebot zu umgehen indem er das Tode als ein zur Selbstverteidigung orientierter Sport ohne echten (Wett)kampf mit chinesisch inspirierten Katas bezeichnete. Eine geschickte Art, jahrhundertealte Gebote zu umgehen.

- FÜNFTENS warfen sie FUNAKOSHI vor, die Namen Tode (Hand/Faust der T'ang) und Kempo (Quan Fa) aufgegeben zu haben um die Bezeichnung Karate-Jutsu ("Technik der Hand von Cathay/China") zu verwenden, sowie auch, als Schande aller Schanden, die eigentlichen ryukyuanischen Namen der traditionnellen Katas mit japanischen Bezeichnungen ersetzt zu haben.
Und FUNAKOSHI gab ihnen noch weiteren Anlass zur Bestürzung: indem er den japanischen weissen Gi sowie das Kyu/Dan-System vom Jûdô übernahm. Oder als FUNAKOSHI kühn die Herkunft des Karate weiter verneinte und das Wort "Kara" in "Kara-Te" nicht mehr mit dem Sinogramm für "Cathay/China" sondern mit dem für "leer" schreiben liess. Diese Massnahmen brachten, zuteil auch dank dem persönlichen Einsatz von KANO Jigorô, das DNBK dazu, FUNAKOSHIs Karate schliesslich als "Funakoshi Karate-Budo" offiziell anzuerkennen und aufzunehmen.

DAS JKA WARTETE BIS NACH SEINEM TOD...

Zu dieser Zeit gaben seine jungen Schüler seinem Stil den Namen "Shoto-Kan" ("Akademie des die Baumwipfel streichenden Windhauchs" - FUNAKOSHIs Dichtername); zu dieser Zeit auch verlor FUNAKOSHI an effektiver Autorität auf seine Schule: Universitätsclubs fingen gegen seinen Willen an, Kumite zu organisieren. Die JKA wartete dafür jedoch bis 1957, nach seinem Tod, um flugs die erste Karate-Meisterschaft für ganz Japan zu veranstalten.

Zu dieser Zeit wo sein Chefausbilder SHIMODA Takeshi (1902-1934), sein Schüler (aber auch Kyoshi in der Nen-Ryu (Kendo) und im Ninjutsu) auf der Rückkehr von einem missglückten Dôjô-Yaburi (****) an einer Vergiftung starb und von FUNAKOSHIS drittem Sohn, FUNAKOSHI Yoshitaka (1906-1945), ersetzt wurde.
Dieser für seine Begabung und sein Talent berühmter Sohn des Gründers veröffentlichte bislang geheimgehaltene Okuden und entwickelte die Form des Kumite - im Widerspruch zur Lehre seines Vaters, der sich immer dagegen sträubte: "Es gibt keinen Erstangriff im Karate!".


Wenn man auf die Fotos FUNAKOSHIs aus jener Zeit sieht, wie gelassen und ruhig er dreinblickt, kommt es einem kaum in den Sinn, dass er einen derart entwickelten Sinn für die Mystifikation hatte, sowie auch die dafür nötige Charakterstärke... und vor allem, wie unbeeindruckt er sich damals den Klagen der Meister aus Okinawa stellte.


__________________________________________
[i](*) SHU = Anfangsstadium des Kampfkünstlers: man muss - meist ohne hinterfragen oder es verstehen zu können - den Anweisungen des Sensei gehorchen, das tun was von einem verlangt wird ohne zu fragen; HA = 2. Stadium; die Zeit des "Erwachsenwerdens"; man fängt an, nicht mehr blind zu gehorchen sondern bildet sich eine eigene Idee der praktizierten Kampfkunst; man stellt die Autorität des Sensei mitunter in Frage. RI = Endstadium, man erlebt eine Art Erwachen und hat mit der gewonnenen Erfahrung seine kampfkunst nicht nur erlernt, sondern verstande.

(**): Kakuto-bujutsu: für das Schlachtfeld bestimmte Kampfkunst
(***): Menkyo-Kaiden: eine Art Diplom das belegt dass einem die gesamte Lehre einer kampfkunstschule erfolgreich übermittelt wurde
(****): Dôjô-Yaburi: "Dojo-Zusammenschlagen": Kampf zwischen zwei Dôjôs, wo sich alle Schüler bis zu den Meistern nacheinander um die Ehre ihres Dôjôs bekämpfen. (/i)

#2 Volker

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Geschrieben 16 Februar 2011 - 18:07 Uhr

Erstmal vielen Dank für die Mühe des Übersetzens!

Wenn ich das richtig lese, ist das Fettgedruckte das überlieferte Dokument aus dem Jahre 1922, das nun erstmals in die Öffentlichkeit gelangte?

Die anderen Punkte stammen von Plée? Oder haben wir auch für die "okinawanische Kritik" von 1925 schriftliche Belege?

Danke.

v.






#3 Volker

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Geschrieben 16 Februar 2011 - 19:04 Uhr

Beitrag anzeigenFitzmeister sagte am 15 Februar 2011 - 23:46 Uhr:

Zu dieser Zeit wo sein Chefausbilder SHIMODA Takeshi (1902-1934), sein Schüler (aber auch Kyoshi in der Nen-Ryu (Kendo) und im Ninjutsu) auf der Rückkehr von einem missglückten Dôjô-Yaburi (****) an einer Vergiftung starb ...


__________________________________________

(****): Dôjô-Yaburi: "Dojo-Zusammenschlagen": Kampf zwischen zwei Dôjôs, wo sich alle Schüler bis zu den Meistern nacheinander um die Ehre ihres Dôjôs bekämpfen. (/i)

Das klingt tatsächlich sehr mysteriös!!


v.

Bearbeitet von Volker, 16 Februar 2011 - 19:05 Uhr.


#4 Taysoku

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Geschrieben 18 Februar 2011 - 09:29 Uhr

Sehr interessante Übersetzung!

Muss mal über die Implikationen in Ruhe nachdenken.
Meine Lehrgangsempfehlungen:
Seminar mit Hidetoshi Nakahashi und Carlos Molina
am 19. und 20.5.2012 in Berlin
Infos unter http://www.shingitai...mid=122&lang=de

#5 FireFlea

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Geschrieben 18 Februar 2011 - 11:59 Uhr

Zur Kritik an Funakoshi finde ich auch eine Aussage von Mitsusuke Harada, einem direkten Funakoshi Schüler, interessant. Das konkurrierende Meister oder andere Kritik üben ist eine Sache aber so eine Aussage aus den "eigenen Reihen" ist schon ungewöhnlich:

http://www.karatedos....php?article=11

Zitat

But it seems that as far as karate is concerned Funakoshi Sensei, I am afraid - and with all due respect to his memory and all he gave us - remained at this superficial or should we say ‘primary’ level. He failed to understand the value of this point. He was a primary school teacher whose concept of the art was definitely in terms of a physical education - valuable no doubt but limited. We know that he was not interested in kumite, in what we can call the more martial side of karate, and he only concentrated his teaching on the practice of kata. But there lies his mistake, for misunderstanding the nature of what he considered to be kiai, he introduced at different points in the kata this need to shout (Incidentally some of the points he chose are rather puzzling, to say the least). The sound of his own voice, the often mentioned ‘Hoi’, certainly did not contribute much in terms of added power to his techniques, and certainly did not mean much in terms of intercommunication with a partner.

"Es gibt keine Abkürzung, sondern nur Arbeit, Schweiß und Schmerzen." Choshin Chibana

#6 Fitzmeister

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Geschrieben 18 Februar 2011 - 21:53 Uhr

Danke Leute :) Diese, in der vorherigen ausgabe erschienene Chronik kann da vielleicht weitere Elemente und Hintergrundinformationen geben. Plée schrieb sie im Anschluss auf eine Reihe von Chroniken, die versuchte sämtliche Okuden vereinheitlicht zu übermitteln.

Diese Chronik befasst sich mit einem Vorfall, der sich im September 1925 zwischen MOTOBU Choki und FUNAKOSHI Gichin ereignete; wieder einmal kann ich für nichts bürgen, aber Denkanstösse zu teilen ist uns allen hilfreich und ich weiss dass manche damit was anfangen können. Ich hab' versucht, dem Text etwas mehr Struktur zu verleihen, aber das ist nun mal des Stil des Autors...


_______________

"Und nun zeig doch wozu deine Kata gut sind! Na los, verteidige dich wie du willst!" schrie Meister MOTOBU Choki ins Ohr von FUNAKOSHI Gichin, den er am Kragen und am Ärmel packte und in die Höhe hebte. "deine Katas sind Beispiele von Fällen deren Wahrscheinlichkeit gleich null ist! Hörst Du?! Null!!!". Diese Szene ereignete sich im September 1925 in der tokyoter Wohnung von Meister KONISHI Yasuhiro (1893-1983) der sie in seiner Autobiografie erzählt.
Meister KONISHI ist kein Unbekannter; er hat 1920 in Tokyo das Ryobukan eröffnet, ein Dojo wo er denKarate Shindo Jinen Ryu-Stil lehrte - also 2 Jahre vor Ankunft des vermeintlichen "Pioniers" FUNAKOSHI.
Meister MOTOBU Choki hatte ebenda das TODE ("Hand der T'Ang" --> chinesischer Faustkampf, aber ihr kennt das sicher alle)) seit 1918 gelehrte. Auch er war nicht der erste, der okinawanische Kampfkünste lehrte: CHITOSE Tohoshi, ein Freund MOTOBUs, hatte auf dem Festland, diesmal in Kyoto, schon 1916 ein Tode-Dojo eröffnet.


Kleine Anekdote: als ich anno 1952 einen japanischen Meister suchte, mit dessen Hilfe ich das Karate in Europa promovieren könnte, habe ich viel mit Meister KONISHI Yasuhiro verhandeln können. Der Übersetzer des damaligen Fachorgans JUDO KdK, FUKUDA Rikutaro, teilte mir mit er sei FUNAKOSHI Gichin und MOTOBU Choki nahe gewesen und somit mit höchsten Referenzen im Karate versehen, aber auch Inhaber zweier Menkyo Kaiden: den einen in Aikijutsu, von Shihan UESHIBA persönlich überrreicht, der andere in Kendo den ihm Shihan UEDO verliehen hatte. Dass jemand solch eine Ausbildung in gleich drei Hauptkampfkünsten genossen hat und obendrein noch relativ jung dafür war (mit 58 Jahren) schien mir ideal um eben gleich all diese drei kampfkünste in Europa zu fördern und zu verbreiten. Meister KONISHI stellte aber die Bedingung, dass der Französische Fechtverband das Kendo offiziell aufnähme. Ich war damit einverstanden, doch als ich den Generalsekretär darauf ansprach, lachte er mich aus und meinte, das Fechten mit zwei Händen sei seit der Renaissance nicht mehr die Norme, und dass er für das japanische Schwert keinen Hauch von Sympathie verspürte... das sei nicht der olympischen Kultur des Verbands vereinbar, merkte er hinzu.

So kam es dass Europa beinahe Motobu-Ha Karate gelernt hätte. Haben wir 50 Jahre vergeudet? Daran könnt ihr mal kauen.


WARUM ES "MEISTER DES SCHATTENS" / versteckte, diskrete Meister GIBT

kommen wir zurück zu Meister FUNAKOSHI. Er wird immer noch von Meister MOTOBU gepeinigt, welcher ihm vorwirft das okinawanische Tode verraten zu haben. Was ist denn geschehen dass es dazu kam?

Um eine Antwort zu geben, müsst Ihr geschätzte Leser verstehen warum es "geheime Techniken" (Okuden) sowie "geheime Meister" gibt.
Wahrlich versteckt sind sie natürlich nicht. Sie sind oft bekannt, manchmal sogar geehrt. Ein paar langjährige Freunde teilten mir mit, meine Chroniken und deren Zweck, Tabus zu brechen und das Meta-wissen hinter den Kampfkünsten den KKlern mitteilen zu können, habe sie dazu gebracht "ins Licht zu treten": KURODA Tetsuzan, HINO Kuroda und KONO Yoshinori... die, kurz gefasst, mit mir einverstanden sind. darüber später noch was..

Nun, der Grund warum solche Meister es bevorzugen, "im Schatten zu bleiben", ist eigentlich dreifaltig:

1. Die meisten haben schon "normale" Berufe (vor allem als Therapeuten/Ärzte/Heiler oder auch Künstler) und sind daher finanziell unabhängig, sodass sie "für sich selbst" lehren, zur Eigenentwicklung und natürlich auch aus Freude.

2. Sie wählen oft ihre Schüler sehr genau, um sie ausbilden zu können ohne sie schonen zu müssen.

3. Sie wollen nicht viel mit der "öffentlichen", "professionellen" KK-Lehrer-Szene zu tun haben, deren abschweifen von den fundamentalen Prinzipien der wahren Kakuto-Bujutsu sie rügen.


MOTOBU CHOKI, ODER DIE UNBESIEGBARKEIT DES KARATE

Der Hausherr und gemeinsame Freund MOTOBUs und FUNAKOSHIs, KONISHI Yasuhiro (1893-1983) versuchte MOTOBU zu besänftigen. Dieser raste vor Wut nachdem er einen Artikel in der monatlichen Sportzeitschrift Kingu Magazine las, dessen gezeichnete Illustrationen klar darauf zu schliessen liessen, FUNAKOSHI sei der Sieger des 1920 organisierten Kampfes in Osaka wo, Zitat: "un russischer Hüne, Weltmeister im Box- und Ringkampf, mit nur einem Faustschlag KO gesetzt wurde". (vgl. Seite 86 des Buches La Grande Histoire du Karaté Shotokan von Harry Cook, Verlag BUDO Éditions). Zur Informationen kann ich mich erinnern, es habe sich möglicherweise um den Weltmeister PADUBNY gehandelt, oder eher einen gewissen Jan KENTEL (Jon Kentaro in Katakana).

Nur ist Fakt, dass FUNAKOSHI Gichin (1869-1957, 1m55, 48kg), der in seiner Autobiografie klar erklärte nicht ein einziges Mal in seinem Leben einen öffentlichen Kampf ausgetragen zu haben, sicher nicht imstande gewesen wäre, solch eine Leistung zwei Jahre vor seiner Ankunft auf das japanische Festland zu vollbringen.
Nein, MOTOBU Choki (1871-1944, 1m78, 90kg) war es der den russischen Riesen fällte. Damals jubelte ihm die gesamte japanische Presse zu; in einer Zeit, wo Japan sich vom relativen fortschritt, wohlstand und nicht zuletzt der Überheblichkeit des Westens gedemütigt fühlte, wo grob geschätzt 20% vor Hunger in die USA oder nach Brasilien emigrieren mussten, war diese Heldentat gefundenes Fressen für die Massen (der Mythos des japanischen Hausdieners und Jujutsuka in the Pink Panther ist keinesfalls erfunden, Charlie CHAPLIN hatte damals auch einen Japaner als Butler - der dann wegen Spionage verhaftet wurde: viele kritische Informationen über Pearl Harbor hatte er für Japan gesammelt und übertragen).

Verdient stolz über seinen Kampf der es ihm ermöglicht hatte, die Ehre der japanischen Kampfkünste aufrecht zu erhalten, vermutete MOTOBU dass hinter dieser desinformierenden Veröffentlichung wieder einmal der steckte, der ihm seit geraumer Zeit Tiefschläge verpasste und sich ständig als vermeintlicher Pionier des Karate in Japan präsentierte. Jeder Mensch, so heisst es, schleppe etwas in sich worauf er nicht stolz ist...


MOTOBU CHOKI; 11. GENERATION DES RYUKYUANISCHEN KÖNIGSGESCHLECHTES

MOTOBU Choki war als dritter Sohn von MOTOBU Undun geboren. Sein Ur-Ahn 11. Generation war der ryukyuanische König SHO-SHITSU.
Viele Dummheiten wurden über MOTOBU Choki erzählt: zum Beispiel, die Altmeister des Tode hätten sich geweigert, einem Aristokraten ihr Wissen zu vermitteln; dies wird vom Fakt widerlegt, wonach eben nur der Adel auf Okinawa Kampfkünste praktizierte, während die "Plebejer" weitreichend von der Welt der Kampfkunst ferngehalten wurden. FUNAKOSHI selbst habe angegeben, die Ausübung der Kampfkünste sei dem Volk sogar förmlich und offiziell untersagt worden. Als Adeliger wurde "Prinz" MOTOBU Choki von früh an von seinem grossen Bruder MOTOBU Choyu (1865-1929) in der Kunst des Tode unterrichtet worden. Choyu zählte neben Choki vor allem den okinawanischen König SHOTAI zu seinen Schülern. Choyu genoss auch eine Ausbildung mit den grössten damaligen chinesischen Meistern, was damals nicht der Fall anderer (nicht adeligen) okinawanischen Meister wie MATSUMURA, MATSUMORA, ITOSU oder TOKUMINE war.
Als grosser, starker und robuster Mann der trotzdem blitzschnell Schlägen ausweichen konnte bekam MOTOBU Choki den Spitznamen Motobu-Saru, zu Deutsch "Motobu der Affe", was in Ostasien als Kompliment gilt. Stolz und zu jedem Kampf bereit hatte er einen Ruf als Mann, der weder einem Kampf aus dem Weg ging noch eine Beleidigung ungesühnt liess. So wurde er zu einer lebenden Legende.
Zu reich als dass er es nötig gehabt hätte, beruflich das Tode zu lehren, zog er es vor nur jene als Schüler zu wählen, die er als würdig sah, die geheimen Techniken (Okuden) erlernen zu können.


NUR EIN KATA - EIN LEBEN LANG

Der Tradition treu, nur ein Kata das gesamte Leben lang zu üben, hat er seine eigene Auffasung des Kata Naihanchi/Tekki entwickelt; Naihanchi beinhaltet auch Griff-, Hebel- und Wurftechniken. Er meisterte die Okuden 2 in 1 und 3 in 1 (*) die zu den Fundamenten seines Stils gehören, und legte viel Wert auf die Suche nach dem KO in den Jiyu-Gumite, die er als Henshu bezeichnete. Und obendrein war er selbstsicher und schämte sich vor nichts.

FUNAKOSHI Gichin war allen Anschein nach das totale Gegenteil zu ihm: während MOTOBU Choki sich dafür einsetzte, dass das okinawanische Tode als Kakuto-Bujutsu anerkannt wurde, stellte FUNAKOSHI das Karate als eine auf Selbstverteidigung gerichtete Unterart des Kempo.
Indem er die Hand des T'Ang als einfache Selbstverteidigung darstellte und bezeichnete, verriet in den Augen der okinawanischen Meister ihr Kohai FUNAKOSHI den Geist des Tode!

Allein gegen alle gestellt gab er seinem ersten, im Oktober 1922 veröffentlichen Handbuch den Titel Ryu-Kyu Kempo-Jutsu. Dies geschah kaum sechs Monate nach seiner Ankunft in Tokyo. Soviel zum Klischee er habe anfangs in Armut gelebt... Die Neuveröffentlichung dieses 304-seitigen, mit vielen Fotos illustrierten Werkes scheint das gegenteil zu beweisen.


FUNAKOSHI TOTAL GEGEN KÄMPFE

FUNAKOSHIs Lehre war allein auf die defensive Anwendung (Bunkai) der 15 Okinawanischen Katas gerichtet. Von Jiyu-Gumite wollte er nichts wissen, selbst in ihrer konventionnellen Variante (Ippon-Gumite) sowie als Wettkampf (Shiai) was, so FUNAKOSHI, nur zu animalischem gerangel führen würde. Aufgrund seines Beharren darauf verliess ihn mit der Zeit so mancher Schüler.




____________________

(*): 2 in 1, 3 in 1: anstatt erst einen Schlag zu blocken, dann zuzuschlagen sollten diese 2 Aktionen möglichst zeitglich geschehen: indem man so viele Aktionen wie möglich in so wenig Zeit wie möglich gut durchführt, ist man auf dem Schlachtfeld effizienter: ich selbst (der Übersetzer), praktiziere eine KK die bis 1187 zurückzuführen ist und wo dieses Prinzip von Anfang an gelehrt wird: Ziel ist es auch hier, "seinen Instinkt zu erziehen"

#7 Fitzmeister

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Geschrieben 18 Februar 2011 - 21:56 Uhr

Beitrag anzeigenVolker sagte am 16 Februar 2011 - 19:04 Uhr:

Beitrag anzeigenFitzmeister sagte am 15 Februar 2011 - 23:46 Uhr:

Zu dieser Zeit wo sein Chefausbilder SHIMODA Takeshi (1902-1934), sein Schüler (aber auch Kyoshi in der Nen-Ryu (Kendo) und im Ninjutsu) auf der Rückkehr von einem missglückten Dôjô-Yaburi (****) an einer Vergiftung starb ...


__________________________________________

(****): Dôjô-Yaburi: "Dojo-Zusammenschlagen": Kampf zwischen zwei Dôjôs, wo sich alle Schüler bis zu den Meistern nacheinander um die Ehre ihres Dôjôs bekämpfen. (/i)

Das klingt tatsächlich sehr mysteriös!!


v.


Wenn du die Vergiftung meinst, dann kann ich es weder belegen noch widerlegen, aber Dojo-Yaburi siehst du z.B. im koreanischen Film Fighter in the Wind. Bruce Lee tut das auch in Fist of Fury: du siehst ihn wie er das Aufhängeschild des japanischen Dojo entzweischlägt: nun, so lief es tatsächlich!

Oh, und YouTube hat auch was parat: http://www.youtube.c...ojo+yaburi&aq=f

Gruss

Fitzmeister

#8 Volker

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Geschrieben 19 Februar 2011 - 00:30 Uhr

Lassen wir das mit der "Vergiftung" mal so stehen. Auch daß es sehr "harte" Auseinandersetzungen gab und noch immer gibt (!), ist unbestritten.

Bevor wir uns aber darüber weiter austauschen, möchte ich doch Eines wissen:

Um was für "Chroniken" handelt es sich denn jetzt? Sind das alte Dokumente, die dem amerikanischen Geheimnisträger D. Draeger im Original vorliegen und aus denen jetzt Plée frei zitiert?

Sind diese japanischen Originale einsehbar? Sind Draeger und Plée der japanischen Sprache mächtig?

Daß sich die "okinawanischen Jungs" irgendwann nicht mehr grün waren, ist bekannt.

Nix für ungut, aber dieses Konglomerat aus unterschiedlichsten Schichten verwirrt.

Man muß ja keine juristische "Doktorarbeit" daraus machen ( :todlach: ) , aber ein wenig mehr Ordnung tut not. Im Interesse Aller.

v.

#9 FireFlea

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Geschrieben 19 Februar 2011 - 11:31 Uhr

Beitrag anzeigenVolker sagte am 19 Februar 2011 - 00:30 Uhr:

Sind Draeger und Plée der japanischen Sprache mächtig?

Draeger auf jeden Fall.
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