Erfolgreiche Deeskalation auf der Strasse
#1
Geschrieben 06 Juni 2011 - 15:46 Uhr
Anhand dieser Erfahrung will ich zeigen, wie man auf der Strasse erfolgreich deeskaliert und einen riskanten Kampf vermeidet.
Situation: Nachts um eins in der Stadt in Japan auf einem oeffentlichen Platz. Etwa dreissig Leute. Ich kannte davon niemanden, aber hatte mich ein oder zwei Stunden mit einem angetrunkenen, netten Typ unterhalten, der mit jedem Freundschaft schliessen wollte, der in seine Naehe kam. Er hat aber auch alle Frauen angesprochen, die in seine Reichweite kamen, was moeglicherweise der Grund fuer den nachfolgenden Streit war.
Wie dem auch sei, ich wollte eigentlich gerade nach Hause gehen, unterhielt mich aber noch mit jemand anderem, als ploetzlich ein knallhart durchtrainierter Typ auf meinen angetrunken Kumpel zustuermt und ihn komplett einschuechtert und mit ihm kaempfen will. Mein Kumpel sass auf einer Bank und der Typ baute sich wie ein Gorilla vor ihm auf, flankiert von einem (weniger durchtrainierten Typ). Ich wusste nicht, was abgeht, konnte auch nicht alles verstehen.
Ich wollte nicht, dass er den Betrunkenen zusammenschlaegt, fuehlte mich auch irgendwie herausgefordert...so irgendwie nach dem Motto: "Wofuer macht man denn jahrelang Kampfsport, wenn man dann in so einer Situation nicht durchgreifen kann!" Ich forderte ihn also auf, den Betrunkenen in Ruhe zu lassen. Der Freund des Gorillas machte mir klar, dass mich der Streit ueberhaupt nichts anging...womit er ja auch 100% Recht hatte. Der Gorilla ignorierte mich gezielt und ich musste ihn ein paar Mal anstubsen, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Und die bekam ich dann auch und er ging auf mich los, allerdings nur verbal, ein bisschen schubsen, Haende festhalten, Drohgebaerden seinerseits usw. Es gab dann fuer mich zwei Moeglichkeiten; 1. zuzuschlagen, 2. zu deeskalieren. Ich habe gefuehlt, dass er nicht den ersten Schlag setzt, sofern ich ihn dazu nicht ermuntere. Also hab ich mit ihm gesprochen und das war`s dann. Wir haben uns sogar kurz die Haende geschuettelt. Er ging dann zwar wieder auf den Angetrunken los, aber nur verbal und weniger aggressiv als zuvor. Ich hab mich dann verabschiedet.
Also: Abgesehen davon, dass es unsinnig ist, sich in die Angelegenheiten anderer einzumischen, denn moeglicherweise war der Gorilla sogar noch im Recht und der Angetrunkene hat seine Freundin angesprochen und er verdiente seine Pruegel. Ich haette beobachtet von 30 Leuten einen Kampf anfangen muessen. Ich war der einzige Auslaender auf dem Platz, leicht zu identifizieren. Also warum sollte ich meine Gesundheit und Probleme mit der Polizei grundlos riskieren, wenn ich einfach nur ruhig bleiben kann und deeskalieren kann?
Der Grund ist, weil ich gekniffen habe. Der Typ hat mich eingeschuechtert und ich hab es vorgezogen, dem Kampf aus dem Weg zu gehen. Das ist die ganze Wahrheit.
Deeskalation klingt einfach besser als Angst. Das ist alles.
I am the first humanist", he said to himself...and offered the woman the apple.
#2
Geschrieben 06 Juni 2011 - 17:12 Uhr
Andreas_ sagte am 06 Juni 2011 - 15:46 Uhr:
Deeskalation klingt einfach besser als Angst. Das ist alles.
#3
Geschrieben 07 Juni 2011 - 07:04 Uhr
alle sind gesund und munter,das reicht!
Anscheinend hatte der Kamerad nicht wirklich Bock auf eine
klopperei,aber das ist reine Vermutung!
Nebenbei,umso etwas zu "erleben" muss ich nur an einer S-Bahn
Staion in meiner Lieblingsstadt Hamburg aussteigen...
gruss Hai
DE OPPRESSO LIBER Freiheit den Unterdrückten
Leitspruch der US Army Special Forces
****
#4
Geschrieben 07 Juni 2011 - 10:54 Uhr
#5
Geschrieben 07 Juni 2011 - 13:41 Uhr
I am the first humanist", he said to himself...and offered the woman the apple.
#6
Geschrieben 07 Juni 2011 - 15:07 Uhr
Andreas_ sagte am 07 Juni 2011 - 13:41 Uhr:
Nur weil der Bursche dich einschüchtern konnte, heißt das nicht, dass er keine Angst hatte. Es heißt auch nicht, dass du nicht vllt. gewonnen hättest, wenn es drauf angekommen wäre. Und letztlich ist beides egal, denn es zählt, wie du dein täglich Brot verdienst, ob du im Leben glücklich und gesund bist und wie du mit deinen Mitmenschen umgehst. Nicht, ob du da einmal Schiss hattest, oder nicht. Wer nur gut darin ist, andere sich schlecht fühlen zu lassen, hat mein Mitleid.
Bearbeitet von Luggage, 07 Juni 2011 - 15:07 Uhr.
#7
Geschrieben 07 Juni 2011 - 20:21 Uhr
Das Problem ist, dass Du nur zur Hälfte (oder weniger?) mitbekommen hast, worum es bei dem Streit ging.
Wenn Dein "Kumpel" die Freundin von dem Typen angelabert hat, ist das in meinen Augen zwar kein Grund, gleich mit Prügel zu drohen, ist ja aber auch nicht jeder so wohl erzogen.
Darüber hinaus weißt Du auch nicht, was für ein Typ das war. Wie Du schon richtig gesagt hast, ist derartiges Verhalten in Japan nicht die Norm. Auch sind wenige Japaner auffällig durchtrainiert. Die Jungs, die mir da einfallen würden, sind jene aus den Kyokushin-kai und vor allem den Jûdô-Clubs meiner damaligen Gastuni. Beides keine Typen, mit denen ich jetzt Stress haben wollen würde, zumal, wenn ich nicht genau erfassen kann, worum es geht.
Darüber hinaus scheint er auch nicht aggro genug gewesen zu sein, jeden anzugehen, der mit seinem "Opfer" in Verbindung steht. Demnach also Glück gehabt.
Ansonsten stimme ich Luggage in seiner letzten Aussage zu!
.
"Allein sind die Menschen noch annehmbar, doch wenn sie Cliquen bilden, fangen sie an, zu verblöden. Sie verfallen dem Gruppenwahn. Sie sind so sehr darauf aus, in Gruppen zu verblöden, dass sie dafür extra Vereine gründen und Mitgliedsbeiträge bezahlen. [...]" (Sawaki Kôdô)
#8
Geschrieben 08 Juni 2011 - 02:26 Uhr
Luggage sagte am 07 Juni 2011 - 15:07 Uhr:
Nur weil der Bursche dich einschüchtern konnte, heißt das nicht, dass er keine Angst hatte. Es heißt auch nicht, dass du nicht vllt. gewonnen hättest, wenn es drauf angekommen wäre. Und letztlich ist beides egal, denn es zählt, wie du dein täglich Brot verdienst, ob du im Leben glücklich und gesund bist und wie du mit deinen Mitmenschen umgehst. Nicht, ob du da einmal Schiss hattest, oder nicht. Wer nur gut darin ist, andere sich schlecht fühlen zu lassen, hat mein Mitleid.
@Luggage: Naja, es ist egal, ob man gewinnt oder verliert. Der Boese hat dein Mitleid? Die Hauptsache ist, dass man gluecklich im Leben ist? Da braucht man nicht Nietzsche gelesen zu haben, um zu erkennen, dass man mit dieser Einstellung nur nachtraeglich seine eigene Unterlegenheit zu rechtfertigen versucht.
Es geht mir in diesem Beitrag auch nicht um eine moralische Einschaetzung der Situation, sondern nur um eine technische. Du hast gesagt, dass der Typ mich einschuechtern konnte, bedeutet nicht, dass er keine Angst hatte, bzw. dass ich den Kampf vielleicht nicht gewonnen haette. Das ist ein interessanter Punkt. Ich denke, wenn man es schafft, den anderen richtig einzuschuechtern, hat man bereits einen sehr starken Vorteil. Vor allem auch, weil man die Situation kontrollieren kann, und Angriffszeitpunkt eher selbst festlegen kann. Er hat mich mit seinem agressiven Auftreten ueberrumpelt und ich war in der Defensive. Keine guten Ausgangskarten fuer einen Kampf.
I am the first humanist", he said to himself...and offered the woman the apple.
#9
Geschrieben 08 Juni 2011 - 06:43 Uhr
Luggage sagte am 07 Juni 2011 - 15:07 Uhr:
...
Es gab früher kein Posting von ihm, in dem es mal nicht um Nietzsche ging. Offenbar ist das immer noch so (zumindest implizit). Ich wäre jedenfalls nie auf den Gedanken gekommen, die Situation so zu interpretieren. "Da muss man nicht Nietzsche gelesen haben" - oh doch, das glaube ich schon. Auf diese seltsamen und in meinen Augen oft schrägen Gedankengänge kommen nicht viele so von alleine. Ist ja nicht so, dass das alles völlig klar und unumstritten wäre.
LG,
Vagabund
#10
Geschrieben 08 Juni 2011 - 11:11 Uhr
Andreas_ sagte am 08 Juni 2011 - 02:26 Uhr:
und wie wuerde es denn aussehen wenn du nicht in der defensive bist? ist doch klar das wenn dich jemand verbal angreift, du derjenige bisst der sich verbal verteidigt. nehmen wir an du waerst nicht in der defensive, und der gorilla kommt und sagt "ich hau dich platt" und du sagst dan "nein, ich hau dich platt" und was dann? hinn und herr gerede wer wen platt haut?
du wurdest nicht richtig eingeschuechtert, nur zum zwei mal nachdenken gezwungen. das problem waere nur da gewesen wenn er dir eine reinhaut, und du dan auf einmal den schwanz zwischen die beine klemmst, ganz ruhig bisst, und wartest das er dir noch ein paar reinhaut. und das alles nur weil er groesser ist. das ist einschuechtern.
#11
Geschrieben 08 Juni 2011 - 13:25 Uhr
Andreas_ sagte am 08 Juni 2011 - 02:26 Uhr:
Luggage sagte am 07 Juni 2011 - 15:07 Uhr:
Nur weil der Bursche dich einschüchtern konnte, heißt das nicht, dass er keine Angst hatte. Es heißt auch nicht, dass du nicht vllt. gewonnen hättest, wenn es drauf angekommen wäre. Und letztlich ist beides egal, denn es zählt, wie du dein täglich Brot verdienst, ob du im Leben glücklich und gesund bist und wie du mit deinen Mitmenschen umgehst. Nicht, ob du da einmal Schiss hattest, oder nicht. Wer nur gut darin ist, andere sich schlecht fühlen zu lassen, hat mein Mitleid.
@Luggage: Naja, es ist egal, ob man gewinnt oder verliert.
Zitat
Naja, in meiner Anekdote dazu war ich zu keinem Zeitpunkt unterlegen, zumindest nicht nach meiner Einschätzung. Ich brauche da nichts zu rechtfertigen, ich sehe einfach in Gewalt keine angemessene Möglichkeit zu beweisen, dass ich den längeren habe. Ich greife zu Gewalt, wenn es nicht anders geht, und dann eben zugleich so schonend und so gut es geht. Aber ich kann nicht erkennen, was gerechtfertigt werden müsste, wenn man physisch unterlegen ist. Es gibt immer jemanden, der stärker ist, als man selbst, soll ich deswegen jetzt rumlaufen und mich ewig elend fühlen? Woher kommt denn dein Bedürfnis dich selbst in Relation zu anderen anhand bestimmter Attribute zu definieren? Ich definiere mich lieber aus mir selbst heraus und schau zu, dass es mir und meinen Lieben gut geht.
"Der Böse" hat insoweit mein Mitleid, weil ihn sicher einiges motiviert, was er nicht in der Hand hatte, wie ich es beschrieben habe. Jemand, der es nötig hat anderen Schmerzen zuzufügen, kann nach meiner Auffassung nicht wirklich glücklich sein. Ich bin ein großer Anhänger des Karma-Prinzips, Actio und Reactio. So viel nach außen gerichtete Gewalt und Hass, fällt auf einen zurück. Außerdem haben sie ihren Ursprung in einem wenig gefestigten, zerütterten Wesen - oder hast du schonmal einen wirklich zufriedenen und glücklichen Menschen blind randalieren und Leute vermöbeln sehen? Das ist freilich kein Generalablass - Karma beinhaltet auch, dass man eben die Konsequenzen seines Handelns tragen muss.
Zitat
Bearbeitet von Luggage, 08 Juni 2011 - 13:25 Uhr.
#12
Geschrieben 16 Juni 2011 - 19:07 Uhr
Andreas_ sagte am 06 Juni 2011 - 15:46 Uhr:
Deeskalation klingt einfach besser als Angst. Das ist alles.
Gut erkannt.
Geht mir auch öfter so.
Ansonsten hab ich Angst, das ich gesehen wurde und rechtlich belangt werde. Ich hab immer Angst.
Mal ist man halt auch nachher zufrieden, das es nicht geknallt hat.
Oft aber bleibt dieser Nachgeschmack.
Lugage ja vielleicht auch. Er lenkt es eventuell nur auf seine vernunftbegabte Begleitung, nicht auf den tumben, unterlegenen Schwanzträger.
Mir hat es geholfen, meine Feindbilder klar zu kriegen.
Nicht jeder, der dominieren will, passt da rein.
Aber an die Richtigen denke ich immer gern zurück - oder bedauernd, wenn ich doch gekniffen hab oder mittendrin abgehauen bin.
Ich finde es gut, daß Du weißt, wann was passiert. Wann Angst Hauptmotivation ist.
Mehr wird man nie erreichen.
Amateur oder Selbstbetrüger ist man nur, wenn man es nicht merkt.
#13
Geschrieben 18 Juni 2011 - 20:05 Uhr
Zitat
Ich habe Deinen Hinweis sorgfältig gelesen. Auch ich habe mich vor langer ( sehr langer ) Zeit für den Kampfsport entschieden - aus genau diesem Grund. Vorbereitet sein auf eine Auseinandersetzung und dann vieleicht die richtige Entscheidung treffen. Leider habe ich bei vielen Kampfsportlehrern keine Hinweise auf das Verhalten bei der Selbstverteidigung bekommen - ich denke das Training im Dojo ist kein echter " Kampf ".
Jetzt möchte ich nicht nerven - ich habe in dem kleinen Buch vom pietsch Verlag, Selbstverteidigung die funktioniert, von Andreas Häckel, die Tipps gefunden und die Hinweise, die mein Verhalten verändert haben. Andreas schreibt zum Beispiel: Wenn Sie mit einer Situation konfrontiert werden, die zu eskalieren droht ist Ihre eigene Denkweise der bestimmende Faktor, ob es zum Kampf kommt oder nicht. Lassen Sie sich in die Handgreiflichkeiten nicht einfach hineinrauschen..... Behalten Sie die Kontrolle über sich. Schalten Sie Ihren Kopf ein. Bremsen Sie Ihre Emotionslawine und ....
Ich denke, das war auch Deine Entscheidung.
Noch eine schöne Zeit in Japan...soto-deshi



