ingolf sagte am 15 August 2011 - 15:43 Uhr:
ich verstehe den weg (also in meine richtung) so, dass der lehrer zeigt, wie man sachen selbst herausfinden kann.
Vielleicht unterscheidet sich unser Verständnis davon, was ein Lehrer ist oder besser: Was er nach unserer eigenern Auffassung sein sollte?
Nach meiner Auffassung ist ein Lehrer zunächst einmal nur jemand, der auf unterschiedlichen Ebenen repräsentiert, was überhaupt man finden können kann. Um in deinem Bild von neulich zu bleiben: Er ist bereits auf der anderen Seite des Flusses angekommen. Eines Flusses, von dem man selber ganz sicher war, daß man ihn nicht überqueren können kann.
Wenn dieser Lehrer dann auch noch zeigen kann, wie man dorthin gelangt und einen sogar dabei begleitet, ist das etwas sehr Schönes. Ich denke, es gibt aber ganz sicher auch Lehrer, die zwar diese Vorbildfunktion erfüllen, aber keine "Didaktiker" sind. Von Ueshiba selber wird ja gesagt, daß er - außer vielleicht in Iwama, das mag ja sein - nicht wirklich unterrichtet habe.
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es geht darum eine gewisse selbständigkeit aufzubauen oder von mir aus erwachsen zu werden.
Vielleicht gibt es auch da einen Unterschied bereits im Vorfeld?
Ich
bin selbständig und auch erwachsen. Das ist nicht etwas, was durch das Üben erst vermittelt werden müßte. Sondern gerade das ist überhaupt die Voraussetzung des Übens. Jemand, der nicht selbständig und erwachsen ist - was immer das im Einzelnen heißen mag - wird nicht in der Lage sein, sich und sein Leben so zu organisieren, daß er kontinuierlich intensiv trainieren kann. Er wird auch nicht in der Lage sein, die Entwicklung im aikido in den eigenen, persönlichen Wachstumsprozeß zu integrieren, denke ich.
Und auch, wenn ich unterrichte, setze ich Selbtständigkeit und Erwachsen-sein voraus bei denen, die in mein Training kommen.
Und umgekehrt: Ein aikido Lehrer ist lediglich als aikidoka auf einem höheren technischen Niveau. Er ist kein besserer Mensch, hat nicht unbeding mehr Lebenserfahrung, ist nicht erwachsener, ist nicht spirituell fortgeschrittener, nicht beruflich weiter entwickelt oder was weiß ich ... Er weiß "nur" mehr über den technischen Weg des aikido.
Ich persönlich habe es in all den Jahren gar nicht so selten erlebt, daß jemand, der mir auf der tatami sehr weit voraus war, mich sogar unterrichtet hat, in ganz anderen Bezügen zu mir in die Beratung gekommen ist, meine Hilfe in Anspruch genommen hat, oder ich in meiner Rolle als Pastor agiert habe.
Was Erwachsen-werden und Selbständigkeit im aikido selber angeht, fallen mir dazu eigentlich nur zwei Situationen ein:
Wie blauvogel schreibt, ist es ein ganz wichtiger Aspekt bei der Vorbereitung zur shodan Prüfung, ein eigenes Verständnis zu entwickeln und sich selber zu verorten. Das ist aus meiner Sicht ein Schritt. Der zweite dann, auch das schreib sie ja, wenn man selber unterrichtet und also ganz bewußt Verantwortung nicht allein für sich selbst, sondern auch für andere übernimmt.
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- ich habe da von einer zengruppe gehört, die regelmässig alle schriften vernichtet, damit ja niemand sich auf den lorbeeren von anderen ausruht. (äh, um keine missverständnisse aufkommen zu lassen: lassen wir mal mudansha aussen vor)
Tempel werden niedergebrannt (oder kontrolliert abgerissen) und neu errichtet. Schriften werden verbrannt - und dann neu verfaßt. Kleider werden abgelegt ...
Es sind das Rituale, die Werden und Vergehen, Fließen und Wandel der Zeiten verdeutlichen wollen. Etwas sehr ähnliches gibt es auch in christlicher Form, auch wenn das nicht so präsent und nicht so illustrativ ist: In vielen Ritualen, wie z.B. auch der Taufe und der Sündenvergebung geht es um Erneuerung, wieder-geboren werden, neuen Anfang. Immer, jeden Tag, ganz neu anfangen zu können, ist ein wesentliches Element christlichen Glaubens.
Bei alledem geht es aber nicht darum, Wissen oder Erfahrung zu vernichten und wieder ganz neu zu erwerben.
Die Schriften, die vernichtet werden, werden buchstabengetreu wieder hergestellt, denn die Mönche können sie - und zwar jeder einzelne - wortwörtlich auswendig. (Das ist nicht so, als ob man die UB von Heidelberg niederbrennt oder so). Die Tempel werden als Kopie wieder aufgebaut. (jedenfalls in der Theorie ist das so) Denn ihre Architektur ist nicht willkürlich. usw.
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... an sonsten nickt er manchmal nur, ...
Das kenne ich von meinem Lehrer eher nicht. ;-)
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die (!) lehrer weisen ausdrücklich darauf hin, sie in frage zu stellen.
Ok. Dann verstehen auch sie selber sich offensichtlich anders, als ich es bei meinem Lehrer und dessen Lehrern erlebe. Damit ist nicht gemeint, daß sie sich als alleingültig verstehen. Oder daß es ihnen nicht darum ginge, daß man selber verinnerlicht, was eigentlich man da tut. Oder daß sie es nicht gutheißen würden, wenn man nicht bei anderen Lehrern übt und vergleicht.
Aber das, was unterrichtet wird, ist nicht beliebig und auch nicht Anleitung zum Hinterfragen, sondern es ist wesentlich und soll so geübt und gelernt werden.
Darum kann man es auf DVDs zeigen und verbreiten, nicht nur die eigentlichen Techniken, sondern auch die Übungen zu Körperorganisation und zu aiki.
Oder man kann es in Büchern festhalten und erläutern.
Es ist nicht beliebig, sondern reproduzierbar, lehrbar und lernbar. Was man in seinem Leben daraus macht oder damit anfängt, ist etwas anderes. Aber wie schon manchmal gesagt: Das ist so wie ich übe, nicht Thema des eigentlichen Unterrichts.
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wenn yoshigasaki eine technik zeigt, muss es nicht heissen, dass ich diese genauso machen kann. - z.b. braucht er manchmal aufgrund seiner kürzenen beine bei einer festhalte im stehen vielleicht einfach nur mit geraden beinen stehen, ich aber muss mindestens einen stock tiefer gehen, damit ich ukes arm gut kontrollieren kann.
Das bezieht sich auf die persönlichen Unterschiede und ist klar. Unterschiedlich Körper, unterschiedliche Bilder.
Solche Dinge sind aber dort, wo ich übe, nicht Inhalt des Unterrichts. Sondern das, was gezeigt und unterrichtet wird, sind immer Formen, die als für jeden tauglich gedacht sind. Bei kihon waza sowieso (das definiert sich ja gerade so, daß es für jeden nage bei jedem uke funktioniert). Aber auch ansonsten ist es der Anspruch, so zu unterrichten, daß solche persönlichen Aspekte nicht ins Gewicht fallen.
Wenn es Yoshigasaki anders tut, dann wird das so richtig sein.
In meinem - also einem anderen!!! - Kontext (nochmal: Es geht mir nicht darum, deine Erfahrungen zu werten, sondern um die Darstellung meiner Erfahrungswelt) ist es aber ein deutliches Zeichen für die mangelnde Qualität eines Lehrers, wenn das, was er zeigt, für jemand mit einem anderen Körperbau oder auch einer anderen psychischen Konstitution nicht nachzuüben ist.
(Das genau ist ganz konkret bei uns im Verein einer der Punkte, die einem der bei uns am längsten Unterrichtenden vorgeworfen werden und u.a. dazu geführt haben, daß er eine Weile nicht unterrichtet hat.)
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... wenn er aus einem anfänger einen schüler und aus einem schüler einen menschan machen will, dann muss er dran bleiben.
Ich lese "Menschen" für "menschan". Ist das richtig?
Wenn du der Meinung bist, ein aikido Lehrer habe die Aufgabe, aus jemandem einen Menschen erst zu machen, dann unterscheidet sich unser Verständnis davon, was ein Lehrer ist (auch ein Lehrer in anderen Bezügen) ganz grundsätzlich.
Oder ist's anders zu lesen?
ingolf sagte am 15 August 2011 - 16:06 Uhr:
noch was: das vertrauen in meine lehrer begründet sich darauf, dass sie gewillt sind, mir zu helfen. - dabei gibt es keine garantie, dass sie richtig liegen.
Das deutet vielleicht noch einen Unterschied im Verständnis an?
Ich gehe bei meinem Lehrer - und genauso auch bei dessen Lehrern, von denen er herkommt - davon aus, daß sie "richtig liegen". Das genau ist der Grund, warum ich ihn als Lehrer gewählt habe. Und das genau ist überhaupt die grundlegende Voraussetzung des Übens.
Ohne das wäre eine Lehrer-Schüler-Beziehung aus meiner Sicht witzlos. Menschen, die mir helfen, mich begleiten und unterstützen gibt es - Gott sei Dank! - nicht wenige auf meinem Weg. Das macht sie aber noch längst nicht zu Lehrern.
Und: Garantien gibt es für überhaupt gar nix im Leben. Alles verändert sich, immer.
Bearbeitet von pilgrim, 16 August 2011 - 08:25 Uhr.