Okay, mal meine 2 Cent zu dem Thema:
Ich habe in meiner täglichen Arbeit auch sehr viel mit essgestörten Patienten zu tun.
Beim lesen dieses Threads fällt mir jetzt auf, dass die Definition von Essstörungen stellenweise etwas zu oberflächlich sind. Da sich die Argumentation aber eben genau um diese Fälle dreht, wäre es vielleicht zunächst mal sinnvoll, zu klären, was eine Essstörung überhaupt ist.
Die zwei häufigsten Essstörungen sind zum einen die Anorexie (Magersucht) und die Bulimie (Ess-Brech-Sucht).
Da es in diesem Thread um starkes Untergewicht bzw. Training als Mittel zur Gewichtsabnahme geht, kann man die Bulimie thematisch eigentlich streichen.
Die Bulimie führt nicht (zwingend) zu Untergewicht und hat seine Entstehung in anderen Faktoren verortet als die Anorexie bzw. sie dient einem anderen "Zweck".
Die Anorexie hingegen ist symptomatisch durch eine massive und pathologische Gewichtsabnahme gekennzeichnet, die auf ein massiv gestörtes Körpergefühl zurückgeht. Der Anorexie-Patient will nicht einem bestimmten Vorbild entsprechen ("ich will so schlank sein wie das Model XY"), sondern nimmt den eigenen Körper vollkommen gestört wahr. Diese Diskrepanz zwischen der Eigen- und der Fremdwahrnehmung hängt meistens mit psychosozialen Faktoren zusammen. Klassiker wäre das kleine Mädel, dass seit jeher unter einem hohen Erwartungsdruck der eigenen Eltern leidet. Hier ist das Kind nicht in der Lage, eine eigens definierte Persönlichkeitz zu entwickelt sondern wird quasi "fremd geformt", was in der Konsequenz zu einem gestörten Selbst-Bild führen kann (gerade in der Zeit der Pubertät, wo der eigene Körper langsam entdeckt und mit Bedeutung bemessen wird).
Oft spielt auch der Faktor der Selbstkasteiung/-bestrafung eine Rolle. So, mehr möcht ich eigentlich garnicht ausführen, ist ja auch (ein wenig) am eigentlichen Thema vorbei.
Wichtig ist nur, dass man so eines verstehen kann: Der anorektisch veranlagte Sportler hat wenig Möglichkeit, sich innerhalb einer festen sozialen Struktur (wie einem KK-Verein oder ähnliches) auf ein gesundheits-schädigendes Körpergewicht "runter zu trainieren", zumal auch die körperliche Leistungsfähigkeit ganz massiv abnimmt. Hier würden sofort Mitsportler oder Trainer einschreiten.
Insofern halte ich die Kampfkunst für denkbar ungeeignet, anorektische Ziele zu verfolgen.
Und übrigens: man bleibt NICHT IMMER essgestört. Eine Anorexie ist durch eine intensive Psychotherapie vollkommen heilbar.
Ein wenig anders ist das bei der Bulimie: Die Bulimie dient einem ganz bestimmten Zweck, das heißt auf eine pathologische Art und Weise macht dieses Verhalten sinn. Dementsprechend ist eine Rückfallgefahr durchaus gegeben.
Das wäre in etwas vergleichbar mit dem Rauchen. Heute macht es für mich Sinn, nach einer stressigen Situation eine zu rauchen. Wenn ich jetzt aufhöre zu rauchen und in ein paar Jahren in eine stressige Situation gerate, hat das Gehirn in der Rubrik "Sinnvolle Lösungsansätze zur Stressbewältigung" auch noch das Rauchen abgespeichert. Es besteht also die Gefahr, dass ich rückfällig werde.
Das hängt mit der Dynamik hinter Sucht-Erkrankungen zusammen.
so far...klugscheißer-Modus off!