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Neko no Myojutsu


3 Antworten in diesem Thema

#1 Puppetmaster

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Geschrieben 26 August 2011 - 19:34 Uhr

Hallo.
Auf anraten eines befreundeten Lehrers sollte ich mich mal ein bisschen mit der Geschichte "Neko no Myojutsu" von Issai Chozan beschäftigen und da ich aber keine deutsche Übersetzung oder gute Zusammenfassung dafür gefunden haben, hab ich mir gedacht beginne ich doch erst einmal damit vielleicht selber eine zu schreiben.
Einfach gesagt, schwer getan, wie ich schnell festgestellt habe, denn derartig philosophische Texte sind doch sehr schwammig und oftmals auch mehrdeutig gehalten.
Nichts desto trotzt hab ich versucht mich so gut es geht durchzugekämpfen und wollte das Ergebnis hier mal posten,

1. um Feedback von Leuten zu bekommen die die Geschichte bereits kennen und mir Tipps und Verbesserungsvorschläge für meine Übersetzung geben können und

2. vielleicht weil auch ein paar von euch etwas mit einer deutschen Übersetzung der Geschichte anfangen können.

Natürlich wäre es für den ersten Punkt besser wenn ich auch die englische Version der Geschichte, die mir für meine Übersetzung als Vorlage diente, mit posten würde, aber ich glaube das wäre rechtlich wahrscheinlich nicht so einwandfrei.

Und noch eine Anmerkung, was Rechtschreibung und Grammatik angeht bin ich einer dieser, die sich vor allem auf die Rechtschreibhilfen ihrer Office-Anwendungen verlassen müssen. Ich habe trotzdem versucht so wenig Fehler wie möglich zu machen und werde die Übersetzung auch noch von ein paar freiwilligen Opfern korrektur lesen lassen wenn sie soweit (hoffentlich nach vielen zusätzlichen Anregungen von euch ;) ) fertig ist.

Zitat

Die folgende Übersetzung der Geschichte „Neko no Myojutsu“ von Issai Chozan basiert auf der englischen Übersetzung von Karl F. Friday, erschienen in „Keiko Shokon – Classical Warrior Traditions of Japan Vol. 3“ by Diana Skoss. (Koryu Books, ISBN: 1-890536-06-7)

Vor der eigentlichen Geschichte noch etwas zum Autor und Übersetzer:

Issai Chozan

Issai Chozan (bzw. Tanba Jurozaemo Tadaaki) lebte von 1659-1741 und war Samurai in der Sekiyado Domäne in der Provinz Shimosa (heute Präfektur Chiba).
Neben den militärischen Künsten widmete er sich vor allem dem Studium des Buddhismus, Taoismus und Konfuzianismus.
Er schrieb mehre (meist weniger technische, sondern philosophische) Bücher über die Kriegskünste, vor allem den Schwertkampf.
Die hier vorliegende Geschichte erschien 1727 als Teil einer 30bändigen Reihe namens „Inaka Soji“.


Karl F. Friday

Karl F. Friday ist Professor für Geschichte an der Universität von Georgia (USA) und Author mehrere englischsprachiger Kampfkunstbücher.
Er ist Lehrmeister (Menkyo Kaiden, Shihan) der Kashima-Shinryu.



Die hohe Kunst einer Katze
(Neko no Myojutsu)


Einst lebte ein Schwertkämpfer namens Shoken, dessen Heim seit einiger Zeit von einer riesigen Ratte heimgesucht wurde, welche selbst am helllichten Tage auftauchte und wieder verschwand wie es ihr gefiel.
Eines Tages gelang es Shoken den Nager in einem Zimmer seines Hauses einzusperren und um ihr endlich den Gar auszumachen setzte er seine Katze zu ihr ins Zimmer, damit sie die Ratte endlich fange. Doch sprang diese Shokens Katze mit einem gewaltigen Satz ins Gesicht und biss sie derart heftig das die Katze laut miauend die Flucht ergriff.
Verdutzt von diesem Ergebnis begann Shoken schnell damit sich verschiedene Katzen aus der Nachbarschaft zu borgen, vor allem jene die einen guten Ruf als Mäusefänger hatten, und sie nach einander in den Raum mit der Ratte zu setzen. Im ersten Moment schien die Ratte in ihrer Zimmerecke wie festgenagelt, doch kaum kam ihr die erste der Katzen zu Nahe, da wiederholte sich das Schauspiel von zuvor und mit einem schnellen Satz und gewaltigen Biss schlug sie die Katze in die Flucht, worauf die übrigen es gar nicht erst wagten in ihre Nähe zu kommen.
Nun vollends erzürnt über dieses Schauspiel griff Shoken schließlich zu einem seiner Übungsschwerter aus Holz und begann selbst auf die Ratte loszugehen, aber während er ein ums andere Mal Türen, Wände und Boden mit seinem Schwert demolierte, gelang es der Ratte jedes mal seinen Hieben auszuweichen und irgendwie unter seinem Schwert hindurch zu schlüpfen. Nicht nur das sich sich mit der Geschwindigkeit eines Blitzes bewegte, nein sie versuchte sogar mehrmals Shoken selbst ins Gesicht zu springen und ihn zu beißen.
Letztendlich, inzwischen erschöpft und in Schweiß getränkt, rief Shoken einen seiner Diener und sprach zu ihm: „Einst habe ich ein Gerücht über eine unvergleichliche Katze gehört, die nicht allzu weit von hier entfernt leben soll. Findet sie, borge sie für uns aus und bring sie her.“
Sofort wurde jemand ausgesandt, aber als er mit der besagten Katze zurückkehrte machte das Tier auf alle keinen besonders cleveren oder starken Eindruck. Nichts desto trotz setzte Shoken es in den Raum mit der Ratte und während die Katze in aller Seelenruhe durch den Raum spazierte kauerte die Ratte wie gelähmt in ihrer Ecke, so das sie sie ohne Probleme fangen und zu Shoken tragen konnte.

Später am Abend des selben Tages hatten sich all die Katzen im Haus des Schwertmeisters um den ältesten und einzig erfolgreichen Jäger in ihrer Mitte herum versammelt, knieten sich nieder und begannen voll Ehrfurcht zu bitten: „Wir alle, wie wir hier versammelt sind, sind angesehene Jäger, mit jahrelangem Training und Können in dieser Kunst. Nicht nur Mäuse und Ratten, selbst Otter oder Wiesel haben wir mit unseren Klauen schon zur Strecke gebracht, doch keiner von uns hat schon jemals so etwas erlebt wie diese wilde Ratte. Bitte erzählt uns, wie habt ihr es geschafft sie zur Strecke zu bringen, welche Kunst benutzt ihr?“

Da lachte die alte Katze und antwortete ihnen: „Ihr seit alle noch junge Kätzchen. Mögt ihr auch alle Meister in eurer Kunst sein, so hat doch keine von euch schon etwas über die Methoden des Wahren Weges gehört und so werdet ihr, wenn ihr auf etwas unerwartetes trefft, überrumpelt. Aber bitte, lasst mich doch erst einmal hören in welchen Künsten ihr so geschult seit.“

Daraufhin trat eine schwarze Katze aus der Gruppe hervor und begann: „Ich wurde in ein Haus großer Rattenfänger geboren und habe mich mit meinem ganzen Herzen diesem Weg verschrieben. Ich kann über einen sieben Fuß hohen Wandschirm springen und mich durch das kleinste Loch zwängen. Seit ich ein kleines Kätzchen war sind meine Geschwindigkeit und meine akrobatischen Fähigkeiten unübertroffen. Ich kann perfekt Schlaf oder Unaufmerksamkeit vortäuschen und konnte so noch jede Ratte fangen, selbst wenn sie über die Dachbalken huschte. Und doch traf ich heute auf eine Ratte mit unvorstellbaren Kräften und wurde zum ersten mal in meinem Leben besiegt.“
Darauf antwortete die ältere Katze: „Was du gemeistert hast ist nur die gelernte Form, deshalb bist du ein Gefangener deines planenden Verstandes. Doch unsere Vorfahren lehrten ihre Techniken nur um uns den Weg aufzuzeigen. Deshalb waren ihre Techniken und Formen wenige und einfach gehalten, und doch enthalten sie in sich all die ultimativen Prinzipien ihrer Kunst.
In den heutigen Zeiten konzentrieren sich einige nur noch auf die Techniken und Formen an sich, oder sie greifen auf eine Zusammenstellung von Tricks und ihre Klugheit zurück, ohne je das Können unserer Vorfahren zu erlangen.
Sie verlassen sich auf ihr Talent und vergleichen sich und ihre Form und Technik untereinander, aber auch die größte Klugheit zählt am Ende nichts.
Der kleine Mann, der seine Technik perfektioniert und sich auf sein Können konzentriert, muss immer so sein. Können ist das Nutzen von Körper und Wille, aber es ist nicht die Basis des Weges.
Wer sich auf seine Klugheit verlässt, wird er von ihr betrogen, und oft werden seine eigenen Fähigkeiten und Tricks gegen ihn eingesetzt. Reflektiere darüber und lerne!“

Als nächstes trat eine große, getigerte Katze hervor sprach: „Ich glaube Kampfkunst benötigt die Fähigkeit sich mit Ki zu bewegen. Deshalb habe ich lange Atemübungen trainiert und mein Ki aufgebaut, so das mein tanden hart und voll ist – als würde es vom Himmel bis zur Erde reichen. Allein damit strecke ich meine Feinde nieder und sicher mir den Sieg, noch bevor ich überhaupt begonnen habe zu kämpfen. Ich bemächtige mich damit der Ratte und kann auf jeden ihrer Versuch ihre Taktik zu ändern reagieren, so wie das Echo immer unfehlbar auf die Stimme folgt. Ich habe keine bewussten Gedanken über Techniken, sie sprudeln einfach so aus mir heraus. Ich kann Ratten von Dachbalken fegen einfach nur in dem ich sie anstarre, und dann hole ich sie mir. Aber diese mächtige Ratte heute kam ohne jegliche Form und hinterließ nichts als Leere. Was soll man daraus machen?“

Die alte Katze antwortete: „Du hast trainiert die Impulse deines Ki zu nutzen, aber du verlässt dich auf dein Ego. Das ist nicht der wahre Sinn. Du gehst voran, bereit deinen Feind zu zerschmettern, und der Feind ist bereit dich zu zerschmettern, aber was wenn er nicht zerschmettert werden kann?
Du versuchst in zu dominieren und in zu zerstören und er versucht dich zu dominieren, aber was wenn er nicht dominiert werden kann?
Warum sollte es immer so sein das du der Stärkere bist und dein Feind der Schwächere?
Die Kraft von der du denkst das sie Himmel und Erde füllt ist nur eine Repräsentation des wahren Ki. Es ähnelt Mencius „flüssigem Ki“, aber es ist nicht dasselbe. Seines ist kräftig weil es voll Scharfblick ist, deines ist nur mächtig weil du kräftig bist. Deshalb setzt ihr es unterschiedlich ein.
Was ist wenn du deinen Gegner aber nicht mit der Kraft deines Ki beugen kannst?
Man sagt das eine in die Enge getriebene Ratte eine Katze beißen wird.
Sie kämpft um ihr Leben, gefangen und ohne andere Hoffnung. Sie vergisst ihr Leben, vergisst ihre Begierden und denkt nur noch an den Kampf. Sie denkt nicht mehr an ihren Körper, deshalb ist ihr Wille hart wie Eisen. Wie könnte ein solches Tier dazu gebracht werden sich der Kraft deines Ki zu unterwerfen?“

Daraufhin trat eine ältere, grau Katze vor und sprach: „Wie du sagtest, Ki mag mächtig sein, aber es hat seine Vorzeichen. Und was Vorzeichen hat, seien sie auch noch so schwach, kann wahrgenommen werden. Deshalb habe ich mein Herz trainiert auf das ich weder einschüchtere noch strauchle, ich harmoniere und widerstrebe nie. Wenn der Gegner stark ist gebe ich ruhig nach. Ich verschlinge seine Technik wie ein Vorhang den Stein einhüllt der gegen ihn geworfen wird. Selbst den stärksten Ratten biete ich keine Angriffsfläche die sie bekämpfen könnten. Und doch, dieser Ratte heute konnte man weder mit Kraft noch mit Nachgeben Herr werden. Sie kam und ging wie ein Geist, so etwas habe ich noch nie gesehen.“

Die alte Katze antwortete: „Was du Harmonie nennst ist keine natürlich Harmonie, sondern eine gekünstelte. Du möchtest dem angreifenden Geist deines Gegners gern ausweichen, aber solang noch die kleinste Form von bewusstem Handeln damit verbunden ist, kann der Gegner dich durchschauen. Du versuchst bewusst dich zu harmonisieren und dein Geist wird träge und faul. Wenn jemand aus Voraussicht handelt, behindert er seine natürliche Wahrnehmung. Und wenn er seine natürliche Wahrnehmung behindert, können keine erhabenen Aktionen mehr hervorkommen.
Aber wenn man seiner Intuition folgt, ohne zu denken und ohne zu tun, dann hat meine keine Vorboten. Und wenn man keine Vorboten hat, dann hat man keine Feinde mehr unter dem Himmel.
Das heißt aber nicht das alles was du gelernt hast ohne Wert wäre. Der wahre Weg durchdringt all seine Manifestationen und sie alle enthalten etwas von seinen ultimativen Prinzipien. Das Ki aktiviert den Körper. Wenn es großmütig ist, kann es ohne Grenzen mit allen Dingen harmonieren.
Wenn das Ki in Harmonie ist, hört man auf mit Gewalt zu kämpfen, wird aber dennoch nicht gebrochen, selbst wenn man gegen Metall oder Stein trifft. Doch wo es auch nur einen kleinen Fleck selbstbezogenes Denken gibt, wird alles künstlich. Das ist nicht die wahre Natur des Weges und die die dir gegenübertreten werden nicht kapitulieren, sonder in Widerstand gegen dich treten.
Welche Art Kunst soll man also verwenden? Nur selbstlos und natürlich reagieren.
Doch der Weg hat kein Ende. Keiner sollte wegen dem was ich euch sage denken ich hätte seinen Zenit erreicht.
Vor langer Zeit lebte in einem Dorf nahe dem unseren eine Katze, die schlief nur den ganzen Tag und zeigte keinerlei sonderliche Geisteskraft. Man konnte fast denken sie wäre lediglich aus Holz geschnitzt. Niemand hat sie je auch nur eine einzige Ratte fangen sehen. Und dennoch, wo immer diese Katze auftauchte waren weit und breit keine Ratten zu sehen.
Eines Tages ging ich zu ihr und fragte sie wie dies sein könne, doch antwortete nicht auf meine Frage. Vier mal fragte ich sie und vier mal bekam ich keine Antwort. Aber es lag nicht daran das sie mich etwas ignoriert hätte, nein sie wusste nur nicht wie sie meine Frage beantworten sollte. Sie wusste ganz einfach nicht wie sie das tat was sie tat. Was man weiß das kann man nicht sagen, und was man sagt das weiß man nicht. Dies Katze hatte sich selbst und alles andere vergessen. Sie war zum Status der Nichts zurückgekehrt. Sie war wie König Wen Chou, der göttliche Kriegerschaft erlangte und nicht tötete. Ich bin immer noch weit davon entfernt die selbe Stufe wie diese Katze zu erreichen.“

Auch Shoken hatte diesen Worten fast wie im Traum gelauscht und schließlich trat er vor, verbeugte sich vor der alten Katze und sprach zu ihr: „Schon lange studiere ich den Weg des Schwertes und bin doch trotzdem noch weit davon entfernt ihn zu meistern. Aber nachdem ich den ganzen Abend deinen Worten gelauscht habe, scheint es mir hast du die Meisterschaft auf diesem Weg erreicht. Deshalb bitte ich dich, enthülle mir seine innersten Geheimnisse.“

Da antwortete die Katze: „Nein, ich bin doch bloß ein Tier und Ratten sind mein Futter. Was weiß ich denn von den Dingen der Menschen? Doch eines hab ich einst vor langer Zeit gehört, dass Schwertkampf nicht das Streben nach dem Sieg über andere ist. Es ist, in einem Satz, die Kunst des tiefen Einblicks in Leben und Tod. Wer ein Samurai sein will muss sich ständig in dieser Kunst üben und seinen Willen damit nähren. Man muss zuerst die Prinzipien von Leben und Tod durchdringen, dabei niemals abweichen und nicht schwanken, sich nicht auf sein Denken und seine Klugheit verlassen, sein Herz und Ki immer in Harmonie halten ohne zwischen sich selbst und anderen zu unterscheiden, ungetrübt wie eine tiefe Quelle. Dann wird man spontan reagieren und sich auf jede Veränderung einstellen können. Wenn sich auch nur der leiseste Gedanke an Dinge und Dasein ins Herz schleicht, entsteht Relativität. Wenn es aber Relativität gibt, dann gibt es auch einen Gegner und ein Selbst, die sich im Kampf gegenüberstehen können. In diesem Zustand kann man nicht frei und spontan auf Veränderungen reagieren. Das Herz ist dann bereits in das Reich des Todes gestürzt und dein Geist hat seinen Glanz verloren; wie soll jemand in diesem Zustand klar kämpfen? Selbst wenn man gewinnen würde wäre es ein rein zufälliger Sieg. Das ist nicht das Ziel eines wahren Schwertkämpfers.
Dieser Zustand des Nichts sollte aber nicht mit einer arroganten Leere gleichgesetzt werden. Der Geist ist ursprünglich ohne Form; er beherbergt nichts. Wenn er irgendetwas hortet, wird das Ki daran gebunden. Und wenn das Ki an irgendetwas gebunden ist kann man sich nicht mehr unbeschränkt anpassen. Man hält an etwas fest und kann nicht mehr erreichen was man sonst erreichen könnte. Wenn es zu viel davon gibt, fließt die Stärke über und kann nicht mehr gestoppt werden. Wo sie nicht hinreichen kann verkümmert sie und kann nicht mehr genutzt werden. Sie kann nicht mehr augenblicklich auf Veränderungen reagieren. Die Formlosigkeit von der ich rede bindet sich an nichts und will nichts erreichen. In ihr gibt es keinen Gegner und kein Selbst. Sie reagiert nur auf das was kommt und hinterlässt keine Spuren. Im I-Ching heißt es: >> Ohne Berechnung und ohne Künstelei, still und ruhig verharrend, das ermöglicht es deinem Geist alles unter dem Himmel zu druchdringen.<< Wer die Schwertkunst mit diesem Prinzip studiert nähert sich dem wahren Weg.“

Worauf Shoken fragte: „Was soll dieses 'Kein Gegner und kein Selbst' bedeuten?“

Die Katze antwortete ihm: „Es gibt einen Gegner weil es ein Selbst gibt. Wo kein Ego ist, da ist auch kein Gegner. Gegner ist eine einfache Bezeichnung für etwas in Opposition, so wie Yin zu Yang oder Feuer zu Wasser. Wo immer eine bestimmte Form herrscht, muss es Opposition dazu geben. Wenn keine Form in deinem Herzen regiert, kann auch nichts in Opposition dazu stehen. Wenn es keine Opposition gibt, gibt es auch keinen Kampf. Also gibt es kein Selbst und keinen Gegner. Wenn einer sich Selbst und alle Anderen vergessen kann, unberührt wird wie die stillen Tiefen des Ozeans, ist er in Harmonie und eins mit allem. Selbst wenn man die Form des Gegners niederschlägt ist man sich dessen weder bewusst noch nicht bewusst. Man ist völlig ohne Überlegung und handelt nur nach Instinkt. Wenn man völlig frei von aller Art von Gedanken ist, ist die Welt deine Welt und es gibt keinen Unterschied mehr zwischen korrekt oder unkorrekt, zwischen mögen oder nicht mögen. All dies entsteht aus der Grenze zwischen Schmerz und Freude, zwischen Gewinn und Verlust im eigenen Geist.
Unsere Vorfahren sagten: >>Wenn sich deine Augen nur auf den Staub konzentrieren, dann sehen die drei Welten klein und schäbig aus, aber wenn dein Herz sorgenfrei ist dein ganzen Leben reich erfüllt.<< Dies bedeutet, wenn auch nur ein Körnchen Ehrgeiz in dein Sichtfeld gerät, kannst du deine Augen nicht offen halten. Dies geschieht wen Dinge einen Platz einnehmen der eigentlich leer war, und frei von allen Dingen. Es ist eine Allegorie für Geist und Seele. Mencius sagte selbst zwischen Millionen Feinden, zwar dein Körper zu Staub zermahlen werden kann, dein Herz aber trotzdem nur dir gehört. Selbst der mächtigste Gegner kann deinen Geist und deine Seele nicht kontrollieren. Konfuzius sagte, selbst der einfachste Mann kann nicht seines Willens beraubt werden. Wenn man verwirrt ist, dient der eigene Geist dem Gegner.
Dies ist alles was ich dir sagen kann. Reflektiere darüber und forsche in dir selbst. Ein Lehrer kann nur die Technik übermitteln und etwas Licht auf die Prinzipien bringen. Die Wahrheit darin zu erkennen liegt bei jedem selbst. Dies ist es was man „Erkenntnis durch Erfahrung“ nennt oder die „Weitergabe außerhalb des Lehrens“. Es hat nichts damit zu tun sich von den Lehren abzuwenden, denn auch der Lehrer kann nicht mehr als sie zu vermitteln. Noch hat es nur mit Zen zu tun. Von der Lehre der Art und Weise bis zum hohen Ziel der Kunst, alle Erkenntnis durch Erfahrung ist „Geist-zu-Geist Weitergabe“ und „Weitergabe außerhalb des Lehrens“. Die Lehren selbst dienen nur dazu aufzuzeigen was bereits in einem steckt, was bisher nur nicht sichtbar war. Niemand erhält dieses Wissen von einem Lehrer. Es ist einfach zu lehren und es ist einfach zuzuhören. Aber es ist schwer zu erkennen was in einem steckt und dieses für sich nutzbar zu machen. Man nennt es „die Realität sehen“. Es ist wie aus einem irrtümlichen Traum zu erwachen und man kann es deshalb auch als „erwachen“ bezeichnen. Es gibt keinen Unterschied zwischen all diesen Begriffen.

Bearbeitet von Puppetmaster, 26 August 2011 - 19:41 Uhr.

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#2 julian

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Geschrieben 26 August 2011 - 20:03 Uhr

Hallo Puppetmaster,

es gibt eine bzw. zwei deutsche Übersetzungen, und zwar:

durckheim

und

Keller/Yamada

Habe beide nicht gelesen, mit der englischen dürftest du aber "japanologisch" gesehen am sichersten sein.

Grüße,
Julian

#3 Puppetmaster

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Geschrieben 26 August 2011 - 20:09 Uhr

Hallo.
Danke für die Mühe, die untere hatte ich sogar schon selbst bei Amazon gefunden.
Aber ich hatte eigentlich nicht vor Geld dafür auszugeben und auch wenn diese Übersetzungen sicher besser und professioneller sind als meine, meine ist jetzt dafür kostenlos. ;P
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#4 Puppetmaster

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Geschrieben 24 Januar 2012 - 14:06 Uhr

Um keinen neuen Thread eröffnen zu müssen poste ich es mal ebenfalls hier.

Eine weitere kleine Geschichte die ich nach einer englischen Vorlage übersetzt habe.

Zitat

Der Experte
(The Expert / Meijin-Den)


Die folgende Übersetzung der Geschichte „Meijin-Den“ von Nakajima Atsushi basiert auf der englischen Übersetzung von Ivan Morris, erschienen in „The Oxford Book of Japanese Short Stories“ (Oxford University Press, ISBN: 978-0-19-958319-5)

Vor der eigentlichen Geschichte noch etwas zu Autor und Übersetzer.

Nakajima Atsushi

Nakajima Atsushi wurde 1909 in Tokio geboren. Sein Vater war Wissenschaftler im Bereich „klassisches Chinesisch“ (bezeichnet die geschriebene Sprache Chinas während der Zeit der Streitenden Reiche) und gab dieses Interesse früh an seinen Sohn weiter, der als Schriftsteller später viele seiner Erzählungen in dieser Zeit ansiedelte.

Nakajima lehrte in seinen letzten Jahren japanisch im Ausland, musste aber 1942 aufgrund schweren Asthmas nach Japan zurückkehren und verstarb noch im selben Jahr an einer Lungenentzündung.

Während seines kurzen literarischen Schaffens vollendete er nur einen Roman (engl. Titel: "Light, Wind and Dreams") und schrieb mehrere Kurzgeschichten.


Ivan Morris

Dr. Ivan Ira Esme Morris (29 November 1925 – 19 July 1976) war ein britischer Autor und Lehrer.

Er studierte japanische Sprache und Kultur an der Harvard University. Später lehrte er an der Columbia University ostasiatische Sprachen, war einer der ersten westlichen Beobachter in Hiroshima nach dem Atombombenabwurf und Gründungsmitglied von Amnesty International USA.

Er übersetzte nicht nur verschiedene japanische Klassiker, sondern schrieb auch selbst viele Bücher über die japanische Kultur und Geschichte.

Ivan Morris starb 1976 an Krebs.



Der Experte


Einst lebte in der Stadt Hantan, der Hauptstadt des antiken chinesischen Staates Chao, ein Mann namens Chi Ch’ang, der danach strebte der größte Bogenschütze der Welt zu werden. Nach viel Suchen fand er schließlich heraus, dass der beste Lehrer des Landes ein gewisser Wei Fei sei, dem nachgesagt wurde das sein Umgang mit dem Bogen tatsächlich so meisterhaft wäre, das er auf hunderte Schritt Entfernung einen ganzen Köcher Pfeile auf ein einzelnes Weidenblatt schießen könne, ohne das ein einziger danebenginge. Kaum hatte er dies erfahren reiste Chi Ch’ang in die entlegene Provinz, in der der Meister lebte, und wurde dessen Schüler.
Als erste Aufgabe befahl im Wei Fei zu lernen nicht mehr zu blinzeln, also reiste Chi Ch’ang nach Haus zurück und kaum war er angekommen kroch er unter den Webstuhl seiner Gattin und blieb dort flach auf dem Rücken liegen. Sein Plan war es ohne zu blinzeln auf das Trittbrett zu schauen während es sich direkt vor seinen Augen schnell auf und ab bewegte. Seine Frau indes war erstaunt ihren Mann so vorzufinden uns bestand darauf das es ihr nicht möglich sei zu weben wenn ein Mann, selbst wenn es ihr eigener Gatte wäre, sie aus dieser seltsamen Stellung beobachten würde. Doch half all der Protest nichts, sie musste weben egal wie peinlich berührt sie davon war.
Tag für Tag verbrachte Chi Ch’ang nun auf seinem Posten unter dem Webstuhl und übte sich darin ohne zu zwinkern auf die Pedale zu starren. Nach zwei Jahren schließlich hatte er es so weit geschafft, dass er nicht einmal mehr blinzelte wenn seine Wimpern zwischen die Pedale gerieten. Als Chi Ch’ang endlich zum letzten Mal unter der Maschine hervorkroch wurde ihm klar das sich sein langer Drill bezahlt gemacht hatte. Es gab nichts mehr das ihn noch zum blinzeln veranlassen konnte – weder ein Luftzug über seinen Augenliedern, noch ein Funke der ihm aus dem Feuer entgegen sprang oder ein Wolke Staubes die plötzlich vor ihm aufwirbelte. Selbst während er schlief standen seine Augen weit offen, so gründlich hatte er seine Augenmuskeln trainiert. Eines Tages als er so da saß und vor sich hin starrte, webte sogar eine kleine Spinne ein Netz zwischen seinen offenen Augenliedern. Nun fühlte er sich endlich sicher genug um seinem Lehrer Bericht zu erstatten.

„Zu wissen wie man nicht mehr blinzelt ist nur der erste Schritt“, sprach Wei Fei als Chi Ch’ang ihm schließlich eifrig von seinem Trainingsfortschritt berichtete.
„Nun musst du lernen zu sehen. Übe dich darin Dinge anzusehen und wenn die Zeit kommt da unscheinbares dir auffällig erscheint und winziges gigantisch, komm zu mir zurück.“
Erneut kehrte Chi Ch’ang nach Haus zurück und diese Mal ging er direkt in den Garten und suchte sich die kleinsten Insekten die er finden konnte. Als er endlich eines gefunden hatte das mit bloßem Auge kaum zu erkennen war, setzte er es auf einen Grashalm und hing diesen ins Fenster seines Arbeitszimmers. Er selbst setzte sich ans andere Ende des Raumes und starrte fortan Tag um Tag auf das Insekt. Zu Beginn konnte er es noch kaum erkennen, aber nach zehn Tagen glaubte er zu bemerken dass es Stück für Stück größer wurde und nach drei Monaten hatte es für ihn die Größe einer Seidenraupe und er konnte klar die Details seines Körpers erkennen.
Während Chi Ch’ang so da saß und das Insekt betrachtete bemerkte er kaum wie sich draußen die Jahreszeiten veränderten – wie die glitzernde Frühlingssonne zur brennende Sommerhitze wurde; wie die Gänse durch den klaren Herbsthimmel flogen und wie der Herbst schließlich Platz machte für einen wechselhaften, grauen Winter. Nichts schien für ihn mehr zu existieren bis auf dieses winzige Insekt auf seinem Grashalm. Wenn eines starb ließ er es jedes Mal sofort durch ein mindestens ebenso winziges ersetzen, doch in seinen Augen wurden sie mit jedem Mal größer und noch größer.

Für drei Jahre verließ Chi Ch’ang sein Arbeitszimmer nicht, bis er eines Tages erkannte das das Insekt vor seinem Fenster inzwischen so groß wie ein Pferd geworden war.
„Ich habe es geschafft!“, rief er aus, schlug sich vor Freude aufs Knie und rannte aus dem Haus, wo er seinen eigenen Augen kaum trauen konnte. Pferde erschienen ihm groß wie Berge, Schweine so groß wie hohe Hügel und Hühner wie Schlosstürme. Überwältigt vor Freude eilte Chi Ch‘ang zurück ins Haus und spannte einen schlanken Shou P’êng Pfeil in seinen Schwalben-Bogen. Er legte an, zielte und schoss dem Insekt den Pfeil direkt durch dessen Herz, ohne den Grashalm auf dem es saß auch nur zu berühren.
Ohne noch weitere Zeit zu verlieren eilte er sofort zu Wei Fei, welcher dieses Mal wirklich beeindruckt von Chi Ch’angs Leistung war, und berichtete ihm von seinem Fortschritt, woraufhin dieser ihn mit den Worten „Gut gemacht!“ lobte.

Es war inzwischen fünf Jahre her das sich Chi Ch’ang aufgemacht hatte der beste Bogenschütze zu werden und endlich hatte er das sichere Gefühl das seine Bemühung reiche Früchte getragen hatten. Kein Kunststück mit dem Bogen schien mehr außerhalb seiner Möglichkeiten zu liegen und um es sich selbst zu bestätigen beschloss er sich einer Reihe von schwierigsten Prüfungen zu unterziehen, bevor er zurück nach Hause aufbrechen wollte.
Zuerst versuchte er sich an Wei Feis eigener Meisterleistung und schoss aus hundert Schritt Entfernung einen ganzen Köcher Pfeile durch ein einziges Weidenblatt. Ein paar Tage später tat er es erneut, dieses Mal mit seinem schwersten Bogen und während er dabei eine randvolle Schale Wasser auf seinem rechten Ellbogen balancierte und er verschüttete dabei nicht einen einzigen Tropfen.
In der folgenden Woche nahm er sich hundert leichte Pfeile und schoss sie blitzschnell hintereinander auf eine Zielscheibe, wobei der erste Pfeil direkt die Mitte und jeder weitere den jeweils vorangegangenen Pfeil traf und in diesem Stecken blieb, bis sie sich schließlich in einer langen Linie bis zu Chi Ch’angs Bogen aufgereiht hatten. Ein Anblick bei dem selbst Meister Wei Fei, der an der Seite sitzend zugesehen hatte, in spontanen Applaus und Bravo-Rufe ausbrach.
Als Chi Ch’ang nach zwei Monaten endlich nach Hause zurück kehrte und seine Frau, wütend über die lange Vernachlässigung durch ihren Mann, auf ihn losging, beschloss er ihr die Zanklust auszutreiben. Schnell nockte er einen Ch’i Wei Pfeil in einen Raben-Bogen, spannte die Sehne bis zum Anschlag und schoss ihr direkt am Gesicht vorbei. Der Pfeil schnitt drei ihrer Wimpern ab, aber es passierte so schnell das sie davon nichts mitbekam und nur immer weiter auf ihren Mann einredete.

Nun gab es nichts mehr das Chi Ch’ang von seinem Meister Wei Fei hätte lernen können. Es schien als stünde er kurz davor seinen lang gehegten Traum zu erreichen. Doch ein Hindernis stand ihm noch im Weg und das war niemand anderer als Wei Fei höchst selbst. Solang der alte Meister noch lebte würde Chi Ch’ang sich niemals als größten Bogenschützen der Welt bezeichnen können. Auch wenn er in der Kunst des Bogenschießens jetzt mit ihm gleich auf lag, so fühlte er doch das er ihn nie würde übertreffen können. Das Leben des alten Meisters war eine ständige Entwertung seiner eigenen großen Leistungen.
Als er eines Tages durch die Felder spazierte, erblickte Chi Ch’ang am Horizont plötzlich die Gestalt Wei Feis und ohne zu zögern griff er seinen Bogen, zielte und schoss. Der alte Meister allerdings spürte die plötzliche Gefahr, griff auch seinerseits zum Bogen, erkannte Chi Ch’ang und schoss zurück, so dass sich beide Pfeile auf halber Strecke trafen und ins Gras fielen. Sofort schoss Chi Ch’ang einen zweiten Pfeil hinterher, doch abermals war Wei Fei genauso schnell und so ging es weiter bis beide ihre Köcher leer geschossen und nur noch Chi Ch’ang einen Pfeil übrig hatte. Dieser erkannte seine Chance und schoss, doch geschwind brach der alte Meister einen Zweig von einem nahe stehenden Dornenbusch und schlug damit in letzter Sekunde auf die Spitze des heran sausenden Pfeils, so dass sich dieser zu seinen Füßen in die Erde bohrte.
Als er sah das seine bösen Pläne vereitelt waren, wurde Chi Ch’ang von einem heftigen Gefühl der Reue übermannt, dass er sicher nicht gefühlt hätte, hätte einer seiner Pfeile das vorgesehene Ziel erreicht. Wei Fei seinerseits war so erleichtert dem Anschlag auf sein Leben entkommen zu sein und gleichzeitig so begeistert von diesem neusten Beweis seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten, dass er keine Wut auf seinen gescheiterten Attentäter fühlte. Stattdessen rannten die beiden Männer auf einander zu und umarmten sich herzlich mit Tränen in den Augen. (In der Tat, seltsam waren die Wege der Alten! Wäre solch ein Verhalten heute nicht undenkbar? Die Herzen dieser Alten müssen sich von den unseren wohl sehr unterschieden haben. Wie sonst wäre es zu erklären das, als der Fürst Huan eines Abends eine neue Delikatesse verlangte, I YA, der Chef der höfischen Küche, seinen eigenen Sohn im Ofen buk und den Fürst bat davon zu probieren; oder das ein Fünfzehnjähriger, der der erste Kaiser der Shin Dynastie war, nicht davor zurückschreckte in der Nacht als sein Vater starb drei Mal mit dessen Lieblingskonkubine Liebe zu machen?)

Doch selbst als er seinen willensstarken Schüler vergebend umarmte, war sich Wei Fei bewusst dass sein Leben weiterhin in Gefahr sein könnte. Der einzige Weg sich davor zu schützen, wäre es Chi Ch’ang mit einer neuen Aufgabe abzulenken und so sprach er zu ihm: „Mein Freund, wie du sicher bereits erkannt hast gibt es nichts mehr das ich dir noch beibringen könnte. Wenn du dich weiterentwickeln willst, dann empfehle ich dir den hochragenden Ta Hsing Pass im Westen zu überqueren und den Berg Ho zu besteigen. Auf seinem Gipfel kannst du vielleicht den Meister Kan Ying finden, der in der Kunst des Bogenschießens unübertroffen ist, weder heut noch in vergangenen Zeiten. Verglichen mit seinen Fähigkeiten sind wir nicht mehr als ein paar ungeschickte Kinder. Es gibt niemand mehr in dieser Welt außer Meister Kan Ying von dem du jetzt noch lernen könntest. Suche ihn und wenn er tatsächlich noch am Leben ist, werde sein Schüler.“
Sofort brach Chi Ch’ang in Richtung Westen auf. Zu hören dass seine Kunst im Vergleich zu jemand anderem nur ungeschickte Kinderei sei hatte seinen Stolz verletzt und in ihm die Angst geweckt das er doch noch um einiges weiter von seinem Ziel entfernt sein könnte, als er geahnt hätte. Er durfte keine Zeit verlieren und musste schnell den Berg Ho besteigen, um sein eigenes Können mit dem Meister Kan Yings zu vergleichen.

So überquerte er den Ta Hsing Pass und kämpfte sich über den zerklüfteten Berg, so dass seine Schuhe bald völlig verschlissen und seine Füße und Beine zerschunden und blutig waren. Unerschrocken kletterte er auf gefährliche Felsen und überquerte schmale Bretter, die über tiefe Abgründe gelegt waren. Nach einem Monat erreichte er endlich den Gipfel des Berges Ho und stürzte ungestüm in die Höhle in die sich Meister Kan Ying zurückgezogen hatte.
Dort fand er einen alten Mann, mit Augen so sanft wie die eines Schafes. Er war tatsächlich erschreckend alt, viel älter als alle Alten die Chi Ch’ang jemals in seinem Leben gesehen hatte. Sein Rücken war gebeugt und wenn er ging schleifte er sein weises Haar hinter sich über den Boden.
Annehmend das ein jeder der solch ein Alter erreicht hatte wohl inzwischen recht schwerhörig sein müsste rief Chi Ch’ang mit lauter Stimme: „Ich bin gekommen um herauszufinden ob ich wirklich so ein großer Bogenschütze bin, wie ich glaube das ich bin!“ Und ohne eine Antwort Kan Yings abzuwarten stürzte er aus der Höhle, griff seinen großen Pappel-Bogen, den er auf seinem Rücken mit sich trug, nockte einen Tsu Chieh Pfeil ein und zielte auf einen Schwarm Vögel der hoch oben im Himmel vorbeizogen. Noch im selben Atemzug rasten fünf der Vögel durch den blauen Himmel abwärts gen Boden.

Der alte Mann aber lächelte nur milde und sprach: „Aber guter Herr, das ist doch bloß einfaches schießen mit Pfeil und Bogen. Haben sie denn noch nicht gelernt ohne schießen zu schießen? Kommen sie mit mir.“

Gereizt durch seinen gescheiterten Versuch den alten Einsiedler zu beeindrucken folgte Chi Ch’ang ihm zur Kante eines großen Abgrundes ca. 200 Schritte von der Höhle entfernt. Als er an ihr hinab blickte überkam ihn das Gefühl den ‚3000 Ellen großen Wandschirm‘ zu sehen, von dem Chang Tsai1 uns einst berichtete. Weit unter sich sah er einen Gebirgsbach, der sich wie ein glitzernder Faden durch die Felsen schlängelte. Doch das Bild verschwamm ihm vor seinen Augen und in seinem Kopf begann sich alles zu drehen.
Derweil sprang Meister Kan Ying leichtfüßig auf einen schmalen Sims, der weit über den Abgrund hinaus ragte, und sprach zu Chi Ch’ang: „Nun zeige mir deine wahren Fähigkeiten. Tausche den Platz mit mir und dann las mich sehen wie du mit deinem Bogen schießt.“
Chi Ch’ang war zu stolz um diese Herausforderung abzulehnen und ohne zu zögern tauschte er seinen Platz mit dem alten Mann. Doch kaum stand er auf dem Sims, da war ihm als begann dieser unter seinen Füßen vor und zurück zu schwanken. Bemüht seine kühne Fassade aufrecht zu erhalten griff Chi Ch’ang nach seinem Bogen und mit zitternden Fingern versuchte er einen Pfeil einzuspannen, doch just in diesem Augenblick kullerten einige Steine, die sich plötzlich gelöst hatten, direkt neben ihm den Abhang hinunter und während er sie mit seinen Augen verfolgte war ihm als müsste er selbst jeden Augenblick das Gleichgewicht verlieren und ihnen in den Abgrund hinterher stürzen. Erschrocken ließ sich Chi Ch’ang flach auf den Boden gleiten und klammerte sich mit seinen Fingern an der Kante des Sims fest. Seine Beine zitterten und der Schweiß floss ihm in Strömen von seinem Körper.
Der alte Mann aber lachte nur, reichte ihm seine Hand und half ihm vom Sims herunter, nur um zugleich selbst darauf zurückzusteigen und zu verkünden: „Erlaubt mir nun, euch zu zeigen was es wirklich mit der Kunst des Bogenschießens auf sich hat!“
Obwohl sein Herz immer noch wie verrückt schlug und er Kreide bleich war, war es Chi Ch’ang doch nicht entgangen das der Meister keinerlei Bogen oder Pfeile bei sich trug und so fragte er ihn mit zittriger Stimme: „Wo ist euer Bogen, Meister?“
„Mein Bogen?“ antwortete der alte Mann. „Mein Bogen!?“ wiederholte er lachend. „So lange ihr einen Bogen und Pfeile braucht, steht ihr noch ganz am Anfang dessen was man die Kunst des Bogenschießens nennt. Ein wahrer Bogenschütze verzichtet auf beides – Bogen und Pfeile!“

Direkt über ihren Köpfen zog derweil ein einsamer Milan seine Kreise, zu dem der alte Mann nun seinen Blick hob und auch Chi Ch’ang folgte der Richtung, konnte den Vogel aber selbst mit seinen scharfen Augen nur schwerlich dort oben im Himmel, wo er nicht größer als ein einzelnes Sesamkorn erschien, erkennen. Kan Ying nockte inzwischen einen unsichtbaren Pfeil auf einen unsichtbaren Bogen, machte eine Bewegung als würde er ihn mit voller Kraft spannen und schoss ihn letztendlich nach oben. Und während Chi Ch’ang noch glaubte ein scharfes Zischen in der Luft zu hören, stoppte der Milan mitten im Flug und stürzte im nächsten Augenblick wie ein Stein in Richtung Boden.
Chi Ch’ang war fassungslos. Er fühlte das er nun, zum ersten Mal in seinem Leben, gesehen hatte was es wirklich bedeutete die Kunst zu beherrschen, die er so leichthin versucht hatte zu meistern.


Für neun Jahre lebte er mit dem alten Mann in den Bergen. Welches Training er dort zu bestehen hatte, dass weiß niemand. Aber als er im zehnten Jahr aus den Bergen herunterkam und nach Hause zurückkehrte, da waren alle aufs höchste erstaunt über die Veränderungen die mit ihm von Statten gegangen waren. Nichts war mehr übrig von seinem einst so resoluten und arroganten Benehmen; stattdessen zeigt er den emotionslosen, hölzernen Ausdruck eines Einfaltspinsels. Sein alter Lehrer, Wei Fei, kam ihn besuchen und stellte auf den ersten Blick fest: „Nun, ich kann sehen aus euch ist in der Tat ein wahrer Meister geworden! Einer, das ich es mir nicht erträumen kann je wieder mit euch Schritt zu halten.“
Die Bewohner Hantans bejubelten Chi Ch’ang fortan als den größten Bogenschützen im ganzen Land und warteten ungeduldig auf die Kunststücke die er ihnen nun wohl bald zeigen möge, doch Chi Ch’ang zeigte keinerlei Intentionen ihre Erwartungen zu erfüllen. Nicht ein einziges Mal nahm er seinen Bogen oder seine Pfeile zur Hand, ja er hatte sogar seinen großen Pappel-Bogen, den er mit auf seine Reise genommen hatte, absichtlich irgendwo zurückgelassen. Wenn ihn jemand danach fragte wieso, so antwortete er nur in trägem Ton: „Die ultimative Stufe des Handelns ist nicht zu handeln, die ultimative Stufe des Sprechens ist nicht zu sprechen, die ultimative Stufe des Schießens ist nicht zu schießen.“

Die aufmerksameren Einwohner Hantans verstanden sofort und verbeugten sich vor diesem großen Bogenmeister, der sich weigerte einen Bogen zur Hand zu nehmen. Es war diese, seine Weigerung mit dem Bogen zu schießen, die nun seinen Ruhm immer weiter und weiter wachsen ließ.
Stattdessen schossen nun überall Gerüchte und Erzählungen über Chi Ch‘ang wie Pilze aus dem Boden. Es wurde berichtet, dass man jede Nacht zur zwölften Stunde hören könnte wie jemand auf seinem Dach die Sehne eines unsichtbaren Bogens spannte. Ein anderer ergänzte, dass dies der Gott des Bogenschießens sei, der tagsüber in der Seele des Meisters wohnte und sie des nachts verließe um ihn vor allen bösen Geistern zu schützen.
Ein Kaufmann der nah bei Chi Ch’angs Haus lebte, brachte das Gerücht in Umlauf das er eines Nachts ohne Zweifel gesehen habe wie der Meister direkt über seinem Haus auf einer Wolke geritten sei. Einmal solle er dabei sogar seinen Bogen bei sich gehabt und sich im Wettkampf mit den Geistern Hou Is und Yang Yu-chis, den legendären Bogenschützen aus den alten Sagen, gemessen haben. Nach den Worten des Kaufmanns seien die Pfeile, die die drei dabei verschossen hätten, irgendwo in der Ferne zwischen Orion und Sirius verschwunden, während sie helle blaue Strahlen hinter sich hergezogen hätten.
Auch gab es da noch einen überführten Dieb, der gestand das, als er gerade dabei war in Chi Ch’angs Haus einzubrechen, ein plötzlicher und sehr starker Windstoß aus eben jenem Fenster kam, durch das er gerade hatte eindringen wollen und der ihn so stark ins Gesicht traf das er ihn zu Boden schleuderte. So machten fortan alle die böses im Schilde führten einen weiten Bogen um das Haus des Meisters und es wird erzählt das selbst vorbeiziehende Vogelschwärme einen Bogen um das Stück Himmel direkt über seinem Haus schlugen.

Als sich sein Ruf so immer weiter über das Land ausbreitete, kam Chi Ch’ang allmählich in die Greisenjahre und mehr und mehr vertiefte er sich in einen Zustand in dem sowohl sein Geist als auch sein Körper kaum noch Reaktionen gegenüber Einflüssen von außen zeigten, sondern in eleganter Anspruchslosigkeit in sich rasteten. Sein stoisches Antlitz trennte sich von jeder Spur eines emotionalen Ausdrucks, keine äußere Kraft konnte ihn noch beeinträchtigen. Es war selten dass er noch sprach und schließlich war es für die Leute nicht einmal mehr möglich zu erkennen ob er noch atmete oder nicht. Oft erschienen seine Gliedmaßen ihnen steif und leblos, wie ein verdorrter Baum. So sehr hatte er sich mit den, dem Universum zu Grunde liegenden, Gesetzen in Einklang gebracht, soweit sich entrückt von den Unsicherheiten und Widersprüchen aller weltlichen Dinge, das er im Herbst seines Lebens nicht einmal mehr den Unterschied zwischen ‚Ich‘ und ‚du‘, nicht den zwischen ‚dieses‘ und ‚jenes‘ kannte. Das Kaleidoskop sinnlicher Eindrücke beschäftigte ihn nicht länger; was ihn betraf so konnte sein Auge genauso gut sein Ohr, sein Ohr seine Nase, seine Nase sein Mund sein.

Vierzig Jahre nach dem er vom Berg zurückgekehrt war verließ Chi Ch’ang friedlich diese Welt, wie Rauch der sich langsam im weiten Himmel auflöst. Während dieser vierzig Jahre hatte er nicht ein einziges Mal über das Bogenschießen gesprochen, geschweige denn selbst einen Bogen in die Hand genommen.
Man erzählt sich das er in seinem letzten Jahr, als er einen alten Freund besuchte, er auf dessen Tisch eine seltsame Gerätschaft liegen sah die ihm irgendwie bekannt vor kam, an deren Namen oder Zweck er sich aber einfach nicht erinnern konnte. Nach dem er vergebens in seinem Gedächtnis danach gesucht hatte, wandte er sich schließlich an seinen Freund und fragte ihn: „Bitte, sag mir, wie heißt dieses Ding da auf deinem Tisch und wozu benutzt man es?“
Sein Gastgeber lachte laut auf, als hätte Chi Ch’ang einen Witz gemacht, worauf der alte Mann seine Frage wiederholte und sein Freund erneut, wenn auch dieses Mal etwas unsicher, lachen musste. Als der alte Mann seine Frage schließlich ein drittes Mal stellte, wich der fröhliche Ausdruck auf dem Gesicht seines Freundes ratloser Besorgnis und während dieser den alten Mann konzentriert musterte, bis er sich schließlich sicher war sich weder verhört zu haben, noch das der Alte spaßte oder gar verrückt geworden war, erwiderte er in ehrfürchtigem Ton: „Oh, Meister. Ihr müsst wirklich der größte Meister aller Zeiten sein. Nur so kann es Möglich sein das ihr ihn komplett vergessen habt - den Bogen, sowohl seinen Namen als auch seinen Gebrauch!“

Es wird erzählt das von diesem Tage an, für eine lange Zeit, in der gesamten Stadt Hantan die Maler ihre Pinsel wegwarfen, die Musiker ihre Instrumente zerbrachen und die Zimmerleute sich schämten wenn man sie mit Zollstöcken sah.

Bearbeitet von Puppetmaster, 24 Januar 2012 - 14:10 Uhr.

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