Auf anraten eines befreundeten Lehrers sollte ich mich mal ein bisschen mit der Geschichte "Neko no Myojutsu" von Issai Chozan beschäftigen und da ich aber keine deutsche Übersetzung oder gute Zusammenfassung dafür gefunden haben, hab ich mir gedacht beginne ich doch erst einmal damit vielleicht selber eine zu schreiben.
Einfach gesagt, schwer getan, wie ich schnell festgestellt habe, denn derartig philosophische Texte sind doch sehr schwammig und oftmals auch mehrdeutig gehalten.
Nichts desto trotzt hab ich versucht mich so gut es geht durchzugekämpfen und wollte das Ergebnis hier mal posten,
1. um Feedback von Leuten zu bekommen die die Geschichte bereits kennen und mir Tipps und Verbesserungsvorschläge für meine Übersetzung geben können und
2. vielleicht weil auch ein paar von euch etwas mit einer deutschen Übersetzung der Geschichte anfangen können.
Natürlich wäre es für den ersten Punkt besser wenn ich auch die englische Version der Geschichte, die mir für meine Übersetzung als Vorlage diente, mit posten würde, aber ich glaube das wäre rechtlich wahrscheinlich nicht so einwandfrei.
Und noch eine Anmerkung, was Rechtschreibung und Grammatik angeht bin ich einer dieser, die sich vor allem auf die Rechtschreibhilfen ihrer Office-Anwendungen verlassen müssen. Ich habe trotzdem versucht so wenig Fehler wie möglich zu machen und werde die Übersetzung auch noch von ein paar freiwilligen Opfern korrektur lesen lassen wenn sie soweit (hoffentlich nach vielen zusätzlichen Anregungen von euch
Zitat
Die folgende Übersetzung der Geschichte „Neko no Myojutsu“ von Issai Chozan basiert auf der englischen Übersetzung von Karl F. Friday, erschienen in „Keiko Shokon – Classical Warrior Traditions of Japan Vol. 3“ by Diana Skoss. (Koryu Books, ISBN: 1-890536-06-7)
Vor der eigentlichen Geschichte noch etwas zum Autor und Übersetzer:
Issai Chozan
Issai Chozan (bzw. Tanba Jurozaemo Tadaaki) lebte von 1659-1741 und war Samurai in der Sekiyado Domäne in der Provinz Shimosa (heute Präfektur Chiba).
Neben den militärischen Künsten widmete er sich vor allem dem Studium des Buddhismus, Taoismus und Konfuzianismus.
Er schrieb mehre (meist weniger technische, sondern philosophische) Bücher über die Kriegskünste, vor allem den Schwertkampf.
Die hier vorliegende Geschichte erschien 1727 als Teil einer 30bändigen Reihe namens „Inaka Soji“.
Karl F. Friday
Karl F. Friday ist Professor für Geschichte an der Universität von Georgia (USA) und Author mehrere englischsprachiger Kampfkunstbücher.
Er ist Lehrmeister (Menkyo Kaiden, Shihan) der Kashima-Shinryu.
Die hohe Kunst einer Katze
(Neko no Myojutsu)
Einst lebte ein Schwertkämpfer namens Shoken, dessen Heim seit einiger Zeit von einer riesigen Ratte heimgesucht wurde, welche selbst am helllichten Tage auftauchte und wieder verschwand wie es ihr gefiel.
Eines Tages gelang es Shoken den Nager in einem Zimmer seines Hauses einzusperren und um ihr endlich den Gar auszumachen setzte er seine Katze zu ihr ins Zimmer, damit sie die Ratte endlich fange. Doch sprang diese Shokens Katze mit einem gewaltigen Satz ins Gesicht und biss sie derart heftig das die Katze laut miauend die Flucht ergriff.
Verdutzt von diesem Ergebnis begann Shoken schnell damit sich verschiedene Katzen aus der Nachbarschaft zu borgen, vor allem jene die einen guten Ruf als Mäusefänger hatten, und sie nach einander in den Raum mit der Ratte zu setzen. Im ersten Moment schien die Ratte in ihrer Zimmerecke wie festgenagelt, doch kaum kam ihr die erste der Katzen zu Nahe, da wiederholte sich das Schauspiel von zuvor und mit einem schnellen Satz und gewaltigen Biss schlug sie die Katze in die Flucht, worauf die übrigen es gar nicht erst wagten in ihre Nähe zu kommen.
Nun vollends erzürnt über dieses Schauspiel griff Shoken schließlich zu einem seiner Übungsschwerter aus Holz und begann selbst auf die Ratte loszugehen, aber während er ein ums andere Mal Türen, Wände und Boden mit seinem Schwert demolierte, gelang es der Ratte jedes mal seinen Hieben auszuweichen und irgendwie unter seinem Schwert hindurch zu schlüpfen. Nicht nur das sich sich mit der Geschwindigkeit eines Blitzes bewegte, nein sie versuchte sogar mehrmals Shoken selbst ins Gesicht zu springen und ihn zu beißen.
Letztendlich, inzwischen erschöpft und in Schweiß getränkt, rief Shoken einen seiner Diener und sprach zu ihm: „Einst habe ich ein Gerücht über eine unvergleichliche Katze gehört, die nicht allzu weit von hier entfernt leben soll. Findet sie, borge sie für uns aus und bring sie her.“
Sofort wurde jemand ausgesandt, aber als er mit der besagten Katze zurückkehrte machte das Tier auf alle keinen besonders cleveren oder starken Eindruck. Nichts desto trotz setzte Shoken es in den Raum mit der Ratte und während die Katze in aller Seelenruhe durch den Raum spazierte kauerte die Ratte wie gelähmt in ihrer Ecke, so das sie sie ohne Probleme fangen und zu Shoken tragen konnte.
Später am Abend des selben Tages hatten sich all die Katzen im Haus des Schwertmeisters um den ältesten und einzig erfolgreichen Jäger in ihrer Mitte herum versammelt, knieten sich nieder und begannen voll Ehrfurcht zu bitten: „Wir alle, wie wir hier versammelt sind, sind angesehene Jäger, mit jahrelangem Training und Können in dieser Kunst. Nicht nur Mäuse und Ratten, selbst Otter oder Wiesel haben wir mit unseren Klauen schon zur Strecke gebracht, doch keiner von uns hat schon jemals so etwas erlebt wie diese wilde Ratte. Bitte erzählt uns, wie habt ihr es geschafft sie zur Strecke zu bringen, welche Kunst benutzt ihr?“
Da lachte die alte Katze und antwortete ihnen: „Ihr seit alle noch junge Kätzchen. Mögt ihr auch alle Meister in eurer Kunst sein, so hat doch keine von euch schon etwas über die Methoden des Wahren Weges gehört und so werdet ihr, wenn ihr auf etwas unerwartetes trefft, überrumpelt. Aber bitte, lasst mich doch erst einmal hören in welchen Künsten ihr so geschult seit.“
Daraufhin trat eine schwarze Katze aus der Gruppe hervor und begann: „Ich wurde in ein Haus großer Rattenfänger geboren und habe mich mit meinem ganzen Herzen diesem Weg verschrieben. Ich kann über einen sieben Fuß hohen Wandschirm springen und mich durch das kleinste Loch zwängen. Seit ich ein kleines Kätzchen war sind meine Geschwindigkeit und meine akrobatischen Fähigkeiten unübertroffen. Ich kann perfekt Schlaf oder Unaufmerksamkeit vortäuschen und konnte so noch jede Ratte fangen, selbst wenn sie über die Dachbalken huschte. Und doch traf ich heute auf eine Ratte mit unvorstellbaren Kräften und wurde zum ersten mal in meinem Leben besiegt.“
Darauf antwortete die ältere Katze: „Was du gemeistert hast ist nur die gelernte Form, deshalb bist du ein Gefangener deines planenden Verstandes. Doch unsere Vorfahren lehrten ihre Techniken nur um uns den Weg aufzuzeigen. Deshalb waren ihre Techniken und Formen wenige und einfach gehalten, und doch enthalten sie in sich all die ultimativen Prinzipien ihrer Kunst.
In den heutigen Zeiten konzentrieren sich einige nur noch auf die Techniken und Formen an sich, oder sie greifen auf eine Zusammenstellung von Tricks und ihre Klugheit zurück, ohne je das Können unserer Vorfahren zu erlangen.
Sie verlassen sich auf ihr Talent und vergleichen sich und ihre Form und Technik untereinander, aber auch die größte Klugheit zählt am Ende nichts.
Der kleine Mann, der seine Technik perfektioniert und sich auf sein Können konzentriert, muss immer so sein. Können ist das Nutzen von Körper und Wille, aber es ist nicht die Basis des Weges.
Wer sich auf seine Klugheit verlässt, wird er von ihr betrogen, und oft werden seine eigenen Fähigkeiten und Tricks gegen ihn eingesetzt. Reflektiere darüber und lerne!“
Als nächstes trat eine große, getigerte Katze hervor sprach: „Ich glaube Kampfkunst benötigt die Fähigkeit sich mit Ki zu bewegen. Deshalb habe ich lange Atemübungen trainiert und mein Ki aufgebaut, so das mein tanden hart und voll ist – als würde es vom Himmel bis zur Erde reichen. Allein damit strecke ich meine Feinde nieder und sicher mir den Sieg, noch bevor ich überhaupt begonnen habe zu kämpfen. Ich bemächtige mich damit der Ratte und kann auf jeden ihrer Versuch ihre Taktik zu ändern reagieren, so wie das Echo immer unfehlbar auf die Stimme folgt. Ich habe keine bewussten Gedanken über Techniken, sie sprudeln einfach so aus mir heraus. Ich kann Ratten von Dachbalken fegen einfach nur in dem ich sie anstarre, und dann hole ich sie mir. Aber diese mächtige Ratte heute kam ohne jegliche Form und hinterließ nichts als Leere. Was soll man daraus machen?“
Die alte Katze antwortete: „Du hast trainiert die Impulse deines Ki zu nutzen, aber du verlässt dich auf dein Ego. Das ist nicht der wahre Sinn. Du gehst voran, bereit deinen Feind zu zerschmettern, und der Feind ist bereit dich zu zerschmettern, aber was wenn er nicht zerschmettert werden kann?
Du versuchst in zu dominieren und in zu zerstören und er versucht dich zu dominieren, aber was wenn er nicht dominiert werden kann?
Warum sollte es immer so sein das du der Stärkere bist und dein Feind der Schwächere?
Die Kraft von der du denkst das sie Himmel und Erde füllt ist nur eine Repräsentation des wahren Ki. Es ähnelt Mencius „flüssigem Ki“, aber es ist nicht dasselbe. Seines ist kräftig weil es voll Scharfblick ist, deines ist nur mächtig weil du kräftig bist. Deshalb setzt ihr es unterschiedlich ein.
Was ist wenn du deinen Gegner aber nicht mit der Kraft deines Ki beugen kannst?
Man sagt das eine in die Enge getriebene Ratte eine Katze beißen wird.
Sie kämpft um ihr Leben, gefangen und ohne andere Hoffnung. Sie vergisst ihr Leben, vergisst ihre Begierden und denkt nur noch an den Kampf. Sie denkt nicht mehr an ihren Körper, deshalb ist ihr Wille hart wie Eisen. Wie könnte ein solches Tier dazu gebracht werden sich der Kraft deines Ki zu unterwerfen?“
Daraufhin trat eine ältere, grau Katze vor und sprach: „Wie du sagtest, Ki mag mächtig sein, aber es hat seine Vorzeichen. Und was Vorzeichen hat, seien sie auch noch so schwach, kann wahrgenommen werden. Deshalb habe ich mein Herz trainiert auf das ich weder einschüchtere noch strauchle, ich harmoniere und widerstrebe nie. Wenn der Gegner stark ist gebe ich ruhig nach. Ich verschlinge seine Technik wie ein Vorhang den Stein einhüllt der gegen ihn geworfen wird. Selbst den stärksten Ratten biete ich keine Angriffsfläche die sie bekämpfen könnten. Und doch, dieser Ratte heute konnte man weder mit Kraft noch mit Nachgeben Herr werden. Sie kam und ging wie ein Geist, so etwas habe ich noch nie gesehen.“
Die alte Katze antwortete: „Was du Harmonie nennst ist keine natürlich Harmonie, sondern eine gekünstelte. Du möchtest dem angreifenden Geist deines Gegners gern ausweichen, aber solang noch die kleinste Form von bewusstem Handeln damit verbunden ist, kann der Gegner dich durchschauen. Du versuchst bewusst dich zu harmonisieren und dein Geist wird träge und faul. Wenn jemand aus Voraussicht handelt, behindert er seine natürliche Wahrnehmung. Und wenn er seine natürliche Wahrnehmung behindert, können keine erhabenen Aktionen mehr hervorkommen.
Aber wenn man seiner Intuition folgt, ohne zu denken und ohne zu tun, dann hat meine keine Vorboten. Und wenn man keine Vorboten hat, dann hat man keine Feinde mehr unter dem Himmel.
Das heißt aber nicht das alles was du gelernt hast ohne Wert wäre. Der wahre Weg durchdringt all seine Manifestationen und sie alle enthalten etwas von seinen ultimativen Prinzipien. Das Ki aktiviert den Körper. Wenn es großmütig ist, kann es ohne Grenzen mit allen Dingen harmonieren.
Wenn das Ki in Harmonie ist, hört man auf mit Gewalt zu kämpfen, wird aber dennoch nicht gebrochen, selbst wenn man gegen Metall oder Stein trifft. Doch wo es auch nur einen kleinen Fleck selbstbezogenes Denken gibt, wird alles künstlich. Das ist nicht die wahre Natur des Weges und die die dir gegenübertreten werden nicht kapitulieren, sonder in Widerstand gegen dich treten.
Welche Art Kunst soll man also verwenden? Nur selbstlos und natürlich reagieren.
Doch der Weg hat kein Ende. Keiner sollte wegen dem was ich euch sage denken ich hätte seinen Zenit erreicht.
Vor langer Zeit lebte in einem Dorf nahe dem unseren eine Katze, die schlief nur den ganzen Tag und zeigte keinerlei sonderliche Geisteskraft. Man konnte fast denken sie wäre lediglich aus Holz geschnitzt. Niemand hat sie je auch nur eine einzige Ratte fangen sehen. Und dennoch, wo immer diese Katze auftauchte waren weit und breit keine Ratten zu sehen.
Eines Tages ging ich zu ihr und fragte sie wie dies sein könne, doch antwortete nicht auf meine Frage. Vier mal fragte ich sie und vier mal bekam ich keine Antwort. Aber es lag nicht daran das sie mich etwas ignoriert hätte, nein sie wusste nur nicht wie sie meine Frage beantworten sollte. Sie wusste ganz einfach nicht wie sie das tat was sie tat. Was man weiß das kann man nicht sagen, und was man sagt das weiß man nicht. Dies Katze hatte sich selbst und alles andere vergessen. Sie war zum Status der Nichts zurückgekehrt. Sie war wie König Wen Chou, der göttliche Kriegerschaft erlangte und nicht tötete. Ich bin immer noch weit davon entfernt die selbe Stufe wie diese Katze zu erreichen.“
Auch Shoken hatte diesen Worten fast wie im Traum gelauscht und schließlich trat er vor, verbeugte sich vor der alten Katze und sprach zu ihr: „Schon lange studiere ich den Weg des Schwertes und bin doch trotzdem noch weit davon entfernt ihn zu meistern. Aber nachdem ich den ganzen Abend deinen Worten gelauscht habe, scheint es mir hast du die Meisterschaft auf diesem Weg erreicht. Deshalb bitte ich dich, enthülle mir seine innersten Geheimnisse.“
Da antwortete die Katze: „Nein, ich bin doch bloß ein Tier und Ratten sind mein Futter. Was weiß ich denn von den Dingen der Menschen? Doch eines hab ich einst vor langer Zeit gehört, dass Schwertkampf nicht das Streben nach dem Sieg über andere ist. Es ist, in einem Satz, die Kunst des tiefen Einblicks in Leben und Tod. Wer ein Samurai sein will muss sich ständig in dieser Kunst üben und seinen Willen damit nähren. Man muss zuerst die Prinzipien von Leben und Tod durchdringen, dabei niemals abweichen und nicht schwanken, sich nicht auf sein Denken und seine Klugheit verlassen, sein Herz und Ki immer in Harmonie halten ohne zwischen sich selbst und anderen zu unterscheiden, ungetrübt wie eine tiefe Quelle. Dann wird man spontan reagieren und sich auf jede Veränderung einstellen können. Wenn sich auch nur der leiseste Gedanke an Dinge und Dasein ins Herz schleicht, entsteht Relativität. Wenn es aber Relativität gibt, dann gibt es auch einen Gegner und ein Selbst, die sich im Kampf gegenüberstehen können. In diesem Zustand kann man nicht frei und spontan auf Veränderungen reagieren. Das Herz ist dann bereits in das Reich des Todes gestürzt und dein Geist hat seinen Glanz verloren; wie soll jemand in diesem Zustand klar kämpfen? Selbst wenn man gewinnen würde wäre es ein rein zufälliger Sieg. Das ist nicht das Ziel eines wahren Schwertkämpfers.
Dieser Zustand des Nichts sollte aber nicht mit einer arroganten Leere gleichgesetzt werden. Der Geist ist ursprünglich ohne Form; er beherbergt nichts. Wenn er irgendetwas hortet, wird das Ki daran gebunden. Und wenn das Ki an irgendetwas gebunden ist kann man sich nicht mehr unbeschränkt anpassen. Man hält an etwas fest und kann nicht mehr erreichen was man sonst erreichen könnte. Wenn es zu viel davon gibt, fließt die Stärke über und kann nicht mehr gestoppt werden. Wo sie nicht hinreichen kann verkümmert sie und kann nicht mehr genutzt werden. Sie kann nicht mehr augenblicklich auf Veränderungen reagieren. Die Formlosigkeit von der ich rede bindet sich an nichts und will nichts erreichen. In ihr gibt es keinen Gegner und kein Selbst. Sie reagiert nur auf das was kommt und hinterlässt keine Spuren. Im I-Ching heißt es: >> Ohne Berechnung und ohne Künstelei, still und ruhig verharrend, das ermöglicht es deinem Geist alles unter dem Himmel zu druchdringen.<< Wer die Schwertkunst mit diesem Prinzip studiert nähert sich dem wahren Weg.“
Worauf Shoken fragte: „Was soll dieses 'Kein Gegner und kein Selbst' bedeuten?“
Die Katze antwortete ihm: „Es gibt einen Gegner weil es ein Selbst gibt. Wo kein Ego ist, da ist auch kein Gegner. Gegner ist eine einfache Bezeichnung für etwas in Opposition, so wie Yin zu Yang oder Feuer zu Wasser. Wo immer eine bestimmte Form herrscht, muss es Opposition dazu geben. Wenn keine Form in deinem Herzen regiert, kann auch nichts in Opposition dazu stehen. Wenn es keine Opposition gibt, gibt es auch keinen Kampf. Also gibt es kein Selbst und keinen Gegner. Wenn einer sich Selbst und alle Anderen vergessen kann, unberührt wird wie die stillen Tiefen des Ozeans, ist er in Harmonie und eins mit allem. Selbst wenn man die Form des Gegners niederschlägt ist man sich dessen weder bewusst noch nicht bewusst. Man ist völlig ohne Überlegung und handelt nur nach Instinkt. Wenn man völlig frei von aller Art von Gedanken ist, ist die Welt deine Welt und es gibt keinen Unterschied mehr zwischen korrekt oder unkorrekt, zwischen mögen oder nicht mögen. All dies entsteht aus der Grenze zwischen Schmerz und Freude, zwischen Gewinn und Verlust im eigenen Geist.
Unsere Vorfahren sagten: >>Wenn sich deine Augen nur auf den Staub konzentrieren, dann sehen die drei Welten klein und schäbig aus, aber wenn dein Herz sorgenfrei ist dein ganzen Leben reich erfüllt.<< Dies bedeutet, wenn auch nur ein Körnchen Ehrgeiz in dein Sichtfeld gerät, kannst du deine Augen nicht offen halten. Dies geschieht wen Dinge einen Platz einnehmen der eigentlich leer war, und frei von allen Dingen. Es ist eine Allegorie für Geist und Seele. Mencius sagte selbst zwischen Millionen Feinden, zwar dein Körper zu Staub zermahlen werden kann, dein Herz aber trotzdem nur dir gehört. Selbst der mächtigste Gegner kann deinen Geist und deine Seele nicht kontrollieren. Konfuzius sagte, selbst der einfachste Mann kann nicht seines Willens beraubt werden. Wenn man verwirrt ist, dient der eigene Geist dem Gegner.
Dies ist alles was ich dir sagen kann. Reflektiere darüber und forsche in dir selbst. Ein Lehrer kann nur die Technik übermitteln und etwas Licht auf die Prinzipien bringen. Die Wahrheit darin zu erkennen liegt bei jedem selbst. Dies ist es was man „Erkenntnis durch Erfahrung“ nennt oder die „Weitergabe außerhalb des Lehrens“. Es hat nichts damit zu tun sich von den Lehren abzuwenden, denn auch der Lehrer kann nicht mehr als sie zu vermitteln. Noch hat es nur mit Zen zu tun. Von der Lehre der Art und Weise bis zum hohen Ziel der Kunst, alle Erkenntnis durch Erfahrung ist „Geist-zu-Geist Weitergabe“ und „Weitergabe außerhalb des Lehrens“. Die Lehren selbst dienen nur dazu aufzuzeigen was bereits in einem steckt, was bisher nur nicht sichtbar war. Niemand erhält dieses Wissen von einem Lehrer. Es ist einfach zu lehren und es ist einfach zuzuhören. Aber es ist schwer zu erkennen was in einem steckt und dieses für sich nutzbar zu machen. Man nennt es „die Realität sehen“. Es ist wie aus einem irrtümlichen Traum zu erwachen und man kann es deshalb auch als „erwachen“ bezeichnen. Es gibt keinen Unterschied zwischen all diesen Begriffen.
Vor der eigentlichen Geschichte noch etwas zum Autor und Übersetzer:
Issai Chozan
Issai Chozan (bzw. Tanba Jurozaemo Tadaaki) lebte von 1659-1741 und war Samurai in der Sekiyado Domäne in der Provinz Shimosa (heute Präfektur Chiba).
Neben den militärischen Künsten widmete er sich vor allem dem Studium des Buddhismus, Taoismus und Konfuzianismus.
Er schrieb mehre (meist weniger technische, sondern philosophische) Bücher über die Kriegskünste, vor allem den Schwertkampf.
Die hier vorliegende Geschichte erschien 1727 als Teil einer 30bändigen Reihe namens „Inaka Soji“.
Karl F. Friday
Karl F. Friday ist Professor für Geschichte an der Universität von Georgia (USA) und Author mehrere englischsprachiger Kampfkunstbücher.
Er ist Lehrmeister (Menkyo Kaiden, Shihan) der Kashima-Shinryu.
Die hohe Kunst einer Katze
(Neko no Myojutsu)
Einst lebte ein Schwertkämpfer namens Shoken, dessen Heim seit einiger Zeit von einer riesigen Ratte heimgesucht wurde, welche selbst am helllichten Tage auftauchte und wieder verschwand wie es ihr gefiel.
Eines Tages gelang es Shoken den Nager in einem Zimmer seines Hauses einzusperren und um ihr endlich den Gar auszumachen setzte er seine Katze zu ihr ins Zimmer, damit sie die Ratte endlich fange. Doch sprang diese Shokens Katze mit einem gewaltigen Satz ins Gesicht und biss sie derart heftig das die Katze laut miauend die Flucht ergriff.
Verdutzt von diesem Ergebnis begann Shoken schnell damit sich verschiedene Katzen aus der Nachbarschaft zu borgen, vor allem jene die einen guten Ruf als Mäusefänger hatten, und sie nach einander in den Raum mit der Ratte zu setzen. Im ersten Moment schien die Ratte in ihrer Zimmerecke wie festgenagelt, doch kaum kam ihr die erste der Katzen zu Nahe, da wiederholte sich das Schauspiel von zuvor und mit einem schnellen Satz und gewaltigen Biss schlug sie die Katze in die Flucht, worauf die übrigen es gar nicht erst wagten in ihre Nähe zu kommen.
Nun vollends erzürnt über dieses Schauspiel griff Shoken schließlich zu einem seiner Übungsschwerter aus Holz und begann selbst auf die Ratte loszugehen, aber während er ein ums andere Mal Türen, Wände und Boden mit seinem Schwert demolierte, gelang es der Ratte jedes mal seinen Hieben auszuweichen und irgendwie unter seinem Schwert hindurch zu schlüpfen. Nicht nur das sich sich mit der Geschwindigkeit eines Blitzes bewegte, nein sie versuchte sogar mehrmals Shoken selbst ins Gesicht zu springen und ihn zu beißen.
Letztendlich, inzwischen erschöpft und in Schweiß getränkt, rief Shoken einen seiner Diener und sprach zu ihm: „Einst habe ich ein Gerücht über eine unvergleichliche Katze gehört, die nicht allzu weit von hier entfernt leben soll. Findet sie, borge sie für uns aus und bring sie her.“
Sofort wurde jemand ausgesandt, aber als er mit der besagten Katze zurückkehrte machte das Tier auf alle keinen besonders cleveren oder starken Eindruck. Nichts desto trotz setzte Shoken es in den Raum mit der Ratte und während die Katze in aller Seelenruhe durch den Raum spazierte kauerte die Ratte wie gelähmt in ihrer Ecke, so das sie sie ohne Probleme fangen und zu Shoken tragen konnte.
Später am Abend des selben Tages hatten sich all die Katzen im Haus des Schwertmeisters um den ältesten und einzig erfolgreichen Jäger in ihrer Mitte herum versammelt, knieten sich nieder und begannen voll Ehrfurcht zu bitten: „Wir alle, wie wir hier versammelt sind, sind angesehene Jäger, mit jahrelangem Training und Können in dieser Kunst. Nicht nur Mäuse und Ratten, selbst Otter oder Wiesel haben wir mit unseren Klauen schon zur Strecke gebracht, doch keiner von uns hat schon jemals so etwas erlebt wie diese wilde Ratte. Bitte erzählt uns, wie habt ihr es geschafft sie zur Strecke zu bringen, welche Kunst benutzt ihr?“
Da lachte die alte Katze und antwortete ihnen: „Ihr seit alle noch junge Kätzchen. Mögt ihr auch alle Meister in eurer Kunst sein, so hat doch keine von euch schon etwas über die Methoden des Wahren Weges gehört und so werdet ihr, wenn ihr auf etwas unerwartetes trefft, überrumpelt. Aber bitte, lasst mich doch erst einmal hören in welchen Künsten ihr so geschult seit.“
Daraufhin trat eine schwarze Katze aus der Gruppe hervor und begann: „Ich wurde in ein Haus großer Rattenfänger geboren und habe mich mit meinem ganzen Herzen diesem Weg verschrieben. Ich kann über einen sieben Fuß hohen Wandschirm springen und mich durch das kleinste Loch zwängen. Seit ich ein kleines Kätzchen war sind meine Geschwindigkeit und meine akrobatischen Fähigkeiten unübertroffen. Ich kann perfekt Schlaf oder Unaufmerksamkeit vortäuschen und konnte so noch jede Ratte fangen, selbst wenn sie über die Dachbalken huschte. Und doch traf ich heute auf eine Ratte mit unvorstellbaren Kräften und wurde zum ersten mal in meinem Leben besiegt.“
Darauf antwortete die ältere Katze: „Was du gemeistert hast ist nur die gelernte Form, deshalb bist du ein Gefangener deines planenden Verstandes. Doch unsere Vorfahren lehrten ihre Techniken nur um uns den Weg aufzuzeigen. Deshalb waren ihre Techniken und Formen wenige und einfach gehalten, und doch enthalten sie in sich all die ultimativen Prinzipien ihrer Kunst.
In den heutigen Zeiten konzentrieren sich einige nur noch auf die Techniken und Formen an sich, oder sie greifen auf eine Zusammenstellung von Tricks und ihre Klugheit zurück, ohne je das Können unserer Vorfahren zu erlangen.
Sie verlassen sich auf ihr Talent und vergleichen sich und ihre Form und Technik untereinander, aber auch die größte Klugheit zählt am Ende nichts.
Der kleine Mann, der seine Technik perfektioniert und sich auf sein Können konzentriert, muss immer so sein. Können ist das Nutzen von Körper und Wille, aber es ist nicht die Basis des Weges.
Wer sich auf seine Klugheit verlässt, wird er von ihr betrogen, und oft werden seine eigenen Fähigkeiten und Tricks gegen ihn eingesetzt. Reflektiere darüber und lerne!“
Als nächstes trat eine große, getigerte Katze hervor sprach: „Ich glaube Kampfkunst benötigt die Fähigkeit sich mit Ki zu bewegen. Deshalb habe ich lange Atemübungen trainiert und mein Ki aufgebaut, so das mein tanden hart und voll ist – als würde es vom Himmel bis zur Erde reichen. Allein damit strecke ich meine Feinde nieder und sicher mir den Sieg, noch bevor ich überhaupt begonnen habe zu kämpfen. Ich bemächtige mich damit der Ratte und kann auf jeden ihrer Versuch ihre Taktik zu ändern reagieren, so wie das Echo immer unfehlbar auf die Stimme folgt. Ich habe keine bewussten Gedanken über Techniken, sie sprudeln einfach so aus mir heraus. Ich kann Ratten von Dachbalken fegen einfach nur in dem ich sie anstarre, und dann hole ich sie mir. Aber diese mächtige Ratte heute kam ohne jegliche Form und hinterließ nichts als Leere. Was soll man daraus machen?“
Die alte Katze antwortete: „Du hast trainiert die Impulse deines Ki zu nutzen, aber du verlässt dich auf dein Ego. Das ist nicht der wahre Sinn. Du gehst voran, bereit deinen Feind zu zerschmettern, und der Feind ist bereit dich zu zerschmettern, aber was wenn er nicht zerschmettert werden kann?
Du versuchst in zu dominieren und in zu zerstören und er versucht dich zu dominieren, aber was wenn er nicht dominiert werden kann?
Warum sollte es immer so sein das du der Stärkere bist und dein Feind der Schwächere?
Die Kraft von der du denkst das sie Himmel und Erde füllt ist nur eine Repräsentation des wahren Ki. Es ähnelt Mencius „flüssigem Ki“, aber es ist nicht dasselbe. Seines ist kräftig weil es voll Scharfblick ist, deines ist nur mächtig weil du kräftig bist. Deshalb setzt ihr es unterschiedlich ein.
Was ist wenn du deinen Gegner aber nicht mit der Kraft deines Ki beugen kannst?
Man sagt das eine in die Enge getriebene Ratte eine Katze beißen wird.
Sie kämpft um ihr Leben, gefangen und ohne andere Hoffnung. Sie vergisst ihr Leben, vergisst ihre Begierden und denkt nur noch an den Kampf. Sie denkt nicht mehr an ihren Körper, deshalb ist ihr Wille hart wie Eisen. Wie könnte ein solches Tier dazu gebracht werden sich der Kraft deines Ki zu unterwerfen?“
Daraufhin trat eine ältere, grau Katze vor und sprach: „Wie du sagtest, Ki mag mächtig sein, aber es hat seine Vorzeichen. Und was Vorzeichen hat, seien sie auch noch so schwach, kann wahrgenommen werden. Deshalb habe ich mein Herz trainiert auf das ich weder einschüchtere noch strauchle, ich harmoniere und widerstrebe nie. Wenn der Gegner stark ist gebe ich ruhig nach. Ich verschlinge seine Technik wie ein Vorhang den Stein einhüllt der gegen ihn geworfen wird. Selbst den stärksten Ratten biete ich keine Angriffsfläche die sie bekämpfen könnten. Und doch, dieser Ratte heute konnte man weder mit Kraft noch mit Nachgeben Herr werden. Sie kam und ging wie ein Geist, so etwas habe ich noch nie gesehen.“
Die alte Katze antwortete: „Was du Harmonie nennst ist keine natürlich Harmonie, sondern eine gekünstelte. Du möchtest dem angreifenden Geist deines Gegners gern ausweichen, aber solang noch die kleinste Form von bewusstem Handeln damit verbunden ist, kann der Gegner dich durchschauen. Du versuchst bewusst dich zu harmonisieren und dein Geist wird träge und faul. Wenn jemand aus Voraussicht handelt, behindert er seine natürliche Wahrnehmung. Und wenn er seine natürliche Wahrnehmung behindert, können keine erhabenen Aktionen mehr hervorkommen.
Aber wenn man seiner Intuition folgt, ohne zu denken und ohne zu tun, dann hat meine keine Vorboten. Und wenn man keine Vorboten hat, dann hat man keine Feinde mehr unter dem Himmel.
Das heißt aber nicht das alles was du gelernt hast ohne Wert wäre. Der wahre Weg durchdringt all seine Manifestationen und sie alle enthalten etwas von seinen ultimativen Prinzipien. Das Ki aktiviert den Körper. Wenn es großmütig ist, kann es ohne Grenzen mit allen Dingen harmonieren.
Wenn das Ki in Harmonie ist, hört man auf mit Gewalt zu kämpfen, wird aber dennoch nicht gebrochen, selbst wenn man gegen Metall oder Stein trifft. Doch wo es auch nur einen kleinen Fleck selbstbezogenes Denken gibt, wird alles künstlich. Das ist nicht die wahre Natur des Weges und die die dir gegenübertreten werden nicht kapitulieren, sonder in Widerstand gegen dich treten.
Welche Art Kunst soll man also verwenden? Nur selbstlos und natürlich reagieren.
Doch der Weg hat kein Ende. Keiner sollte wegen dem was ich euch sage denken ich hätte seinen Zenit erreicht.
Vor langer Zeit lebte in einem Dorf nahe dem unseren eine Katze, die schlief nur den ganzen Tag und zeigte keinerlei sonderliche Geisteskraft. Man konnte fast denken sie wäre lediglich aus Holz geschnitzt. Niemand hat sie je auch nur eine einzige Ratte fangen sehen. Und dennoch, wo immer diese Katze auftauchte waren weit und breit keine Ratten zu sehen.
Eines Tages ging ich zu ihr und fragte sie wie dies sein könne, doch antwortete nicht auf meine Frage. Vier mal fragte ich sie und vier mal bekam ich keine Antwort. Aber es lag nicht daran das sie mich etwas ignoriert hätte, nein sie wusste nur nicht wie sie meine Frage beantworten sollte. Sie wusste ganz einfach nicht wie sie das tat was sie tat. Was man weiß das kann man nicht sagen, und was man sagt das weiß man nicht. Dies Katze hatte sich selbst und alles andere vergessen. Sie war zum Status der Nichts zurückgekehrt. Sie war wie König Wen Chou, der göttliche Kriegerschaft erlangte und nicht tötete. Ich bin immer noch weit davon entfernt die selbe Stufe wie diese Katze zu erreichen.“
Auch Shoken hatte diesen Worten fast wie im Traum gelauscht und schließlich trat er vor, verbeugte sich vor der alten Katze und sprach zu ihr: „Schon lange studiere ich den Weg des Schwertes und bin doch trotzdem noch weit davon entfernt ihn zu meistern. Aber nachdem ich den ganzen Abend deinen Worten gelauscht habe, scheint es mir hast du die Meisterschaft auf diesem Weg erreicht. Deshalb bitte ich dich, enthülle mir seine innersten Geheimnisse.“
Da antwortete die Katze: „Nein, ich bin doch bloß ein Tier und Ratten sind mein Futter. Was weiß ich denn von den Dingen der Menschen? Doch eines hab ich einst vor langer Zeit gehört, dass Schwertkampf nicht das Streben nach dem Sieg über andere ist. Es ist, in einem Satz, die Kunst des tiefen Einblicks in Leben und Tod. Wer ein Samurai sein will muss sich ständig in dieser Kunst üben und seinen Willen damit nähren. Man muss zuerst die Prinzipien von Leben und Tod durchdringen, dabei niemals abweichen und nicht schwanken, sich nicht auf sein Denken und seine Klugheit verlassen, sein Herz und Ki immer in Harmonie halten ohne zwischen sich selbst und anderen zu unterscheiden, ungetrübt wie eine tiefe Quelle. Dann wird man spontan reagieren und sich auf jede Veränderung einstellen können. Wenn sich auch nur der leiseste Gedanke an Dinge und Dasein ins Herz schleicht, entsteht Relativität. Wenn es aber Relativität gibt, dann gibt es auch einen Gegner und ein Selbst, die sich im Kampf gegenüberstehen können. In diesem Zustand kann man nicht frei und spontan auf Veränderungen reagieren. Das Herz ist dann bereits in das Reich des Todes gestürzt und dein Geist hat seinen Glanz verloren; wie soll jemand in diesem Zustand klar kämpfen? Selbst wenn man gewinnen würde wäre es ein rein zufälliger Sieg. Das ist nicht das Ziel eines wahren Schwertkämpfers.
Dieser Zustand des Nichts sollte aber nicht mit einer arroganten Leere gleichgesetzt werden. Der Geist ist ursprünglich ohne Form; er beherbergt nichts. Wenn er irgendetwas hortet, wird das Ki daran gebunden. Und wenn das Ki an irgendetwas gebunden ist kann man sich nicht mehr unbeschränkt anpassen. Man hält an etwas fest und kann nicht mehr erreichen was man sonst erreichen könnte. Wenn es zu viel davon gibt, fließt die Stärke über und kann nicht mehr gestoppt werden. Wo sie nicht hinreichen kann verkümmert sie und kann nicht mehr genutzt werden. Sie kann nicht mehr augenblicklich auf Veränderungen reagieren. Die Formlosigkeit von der ich rede bindet sich an nichts und will nichts erreichen. In ihr gibt es keinen Gegner und kein Selbst. Sie reagiert nur auf das was kommt und hinterlässt keine Spuren. Im I-Ching heißt es: >> Ohne Berechnung und ohne Künstelei, still und ruhig verharrend, das ermöglicht es deinem Geist alles unter dem Himmel zu druchdringen.<< Wer die Schwertkunst mit diesem Prinzip studiert nähert sich dem wahren Weg.“
Worauf Shoken fragte: „Was soll dieses 'Kein Gegner und kein Selbst' bedeuten?“
Die Katze antwortete ihm: „Es gibt einen Gegner weil es ein Selbst gibt. Wo kein Ego ist, da ist auch kein Gegner. Gegner ist eine einfache Bezeichnung für etwas in Opposition, so wie Yin zu Yang oder Feuer zu Wasser. Wo immer eine bestimmte Form herrscht, muss es Opposition dazu geben. Wenn keine Form in deinem Herzen regiert, kann auch nichts in Opposition dazu stehen. Wenn es keine Opposition gibt, gibt es auch keinen Kampf. Also gibt es kein Selbst und keinen Gegner. Wenn einer sich Selbst und alle Anderen vergessen kann, unberührt wird wie die stillen Tiefen des Ozeans, ist er in Harmonie und eins mit allem. Selbst wenn man die Form des Gegners niederschlägt ist man sich dessen weder bewusst noch nicht bewusst. Man ist völlig ohne Überlegung und handelt nur nach Instinkt. Wenn man völlig frei von aller Art von Gedanken ist, ist die Welt deine Welt und es gibt keinen Unterschied mehr zwischen korrekt oder unkorrekt, zwischen mögen oder nicht mögen. All dies entsteht aus der Grenze zwischen Schmerz und Freude, zwischen Gewinn und Verlust im eigenen Geist.
Unsere Vorfahren sagten: >>Wenn sich deine Augen nur auf den Staub konzentrieren, dann sehen die drei Welten klein und schäbig aus, aber wenn dein Herz sorgenfrei ist dein ganzen Leben reich erfüllt.<< Dies bedeutet, wenn auch nur ein Körnchen Ehrgeiz in dein Sichtfeld gerät, kannst du deine Augen nicht offen halten. Dies geschieht wen Dinge einen Platz einnehmen der eigentlich leer war, und frei von allen Dingen. Es ist eine Allegorie für Geist und Seele. Mencius sagte selbst zwischen Millionen Feinden, zwar dein Körper zu Staub zermahlen werden kann, dein Herz aber trotzdem nur dir gehört. Selbst der mächtigste Gegner kann deinen Geist und deine Seele nicht kontrollieren. Konfuzius sagte, selbst der einfachste Mann kann nicht seines Willens beraubt werden. Wenn man verwirrt ist, dient der eigene Geist dem Gegner.
Dies ist alles was ich dir sagen kann. Reflektiere darüber und forsche in dir selbst. Ein Lehrer kann nur die Technik übermitteln und etwas Licht auf die Prinzipien bringen. Die Wahrheit darin zu erkennen liegt bei jedem selbst. Dies ist es was man „Erkenntnis durch Erfahrung“ nennt oder die „Weitergabe außerhalb des Lehrens“. Es hat nichts damit zu tun sich von den Lehren abzuwenden, denn auch der Lehrer kann nicht mehr als sie zu vermitteln. Noch hat es nur mit Zen zu tun. Von der Lehre der Art und Weise bis zum hohen Ziel der Kunst, alle Erkenntnis durch Erfahrung ist „Geist-zu-Geist Weitergabe“ und „Weitergabe außerhalb des Lehrens“. Die Lehren selbst dienen nur dazu aufzuzeigen was bereits in einem steckt, was bisher nur nicht sichtbar war. Niemand erhält dieses Wissen von einem Lehrer. Es ist einfach zu lehren und es ist einfach zuzuhören. Aber es ist schwer zu erkennen was in einem steckt und dieses für sich nutzbar zu machen. Man nennt es „die Realität sehen“. Es ist wie aus einem irrtümlichen Traum zu erwachen und man kann es deshalb auch als „erwachen“ bezeichnen. Es gibt keinen Unterschied zwischen all diesen Begriffen.
Bearbeitet von Puppetmaster, 26 August 2011 - 19:41 Uhr.



