ten-chi sagte am 20 September 2011 - 08:24 Uhr:
Ist hier nicht das Thema.
Nach meiner Erfahrung geht es doch ganz genau darum. Ein Aspekt ist aus meiner Sicht die Frage,
was überhaupt zu lernen ist. Der andere, mindestens ebenso wichtige Aspekt aber ist,
wie es zu lernen ist.
Und beide Aspekte können bei der Arbeit bzw. dem Üben mit Menschen mit Behinderungen betroffen sein: Es kann sein, daß jemand ein bestimmtes Ziel, einen bestimmten Inhalt nicht umsetzen können kann. Oder es kann sein, daß jemand den didaktischen Weg, der dorthin führt, nicht mitgehen kann.
Bei den Zielen und Inhalten wäre die Frage: Welche sind das denn überhaupt? Und sind es vielleicht für jeden Übenden andere, individuelle? Wenn Ingolf z.B. übt, um zu lernen, mit Menschen umzugehen, geht es offendkundig um andere Ziele und Inhalte, als wenn ich übe, um bestimmte technische, körperliche Fertigkeiten zu erlangen. Manche Ziele und Inhalte sind für manchen Menschen leichter zu erreichen, als andere. Das gilt ja nicht nur für Menschen mit Behinderungen. Dort aber eben auch. Zu klären, welche Ziele und welche Inhalte tatsächlich relevant sind, ist eine Aufgabe, die sich jedem Übenden stellt. Denn sie bestimmt letztlich die Richtung des Übens.
Was die didaktischen Wege angeht, so ist es eben nach meiner Erfahrung z.B. ein immenser Unterschied, ob jemand zunächst mit bestimmten Bewegungen übt, die ihn schließlich dazu befähigen, auch ohne diese Bewegungen das Gleiche zu erreichen. Diese Reduktion ist etwas, daß mir für viele KKe ganz typisch zu sein scheint: Bewegungen werden immer effektiver, klarer und dabei auch im Umfang geringer. Solche Reduktion ist aber etwas fundamental anderes, als eine Elementarisierung der Bewegungen von vornherein. Was ja nicht heißt, daß es andere didaktische Wege dahin geben kann. Aber wenn jemand sich nach 20 Jahren üben nicht mehr bewegen muß, ist das eben längst nicht dasselbe, wie wenn jemand nie sich bewegen konnte.
Zitat
Aber es geht im Grunde genommen darum, zu lernen sich auf eine bestimmte Art zu bewegen. Kata vermittelt zwar die Grundtechnik und den Bewegungsablauf, aber nicht die Bewegung selbst.
Ok, dann haben wir scheinbar ein unterschiedliches Verständnis von kata: Ich kenne das, was wir als "kihon no kata" bezeichnen als die grundlegenden Formen, die nicht nur einen äußeren Ablauf vermitteln, sondern auch die Bewegung selbst, das Körpergefühl, die geistige Einstellung und die körperliche Arbeit "nach Innen" vermitteln. Und es ist vor allem das Werkzeug des Unterrichtens. Es ist halt schlicht das Mittel, anhand dessen man lernt: shomen uchi ikkyo omote ist nicht nur eine leere, äußere Hülle, sondern ist angefüllt mit allem, was man lernen kann und will im aikido. Dabei führt der Weg des Lernens von Außen nach Innen.
Diese Formen habne sich im Laufe der Jahre entwickelt und sind gewissermaßen mit Wissen "aufgeladen".
Die Frage ist aus meiner Sicht ist daher: Wenn jemand schon diese äußeren Formen nicht nachvollziehen kann, wie kann er auf Dauer das lernen, was darin liegt?
Und was genau lernt er oder sie, wenn angepaßte Formen unterrichtet werden? Lernt er dann tatsächlich das, was ursprünglich gemeint ist?
Das ist doch auch in dem Beispiel von Rakoshi die Frage: Was genau übt denn jemand, wenn er die Formen an seine eigenen Möglichkeiten un Bedürfnisse anpaßt? Ein Stück weit tut das sicher jeder. Gibt es dabei Grenzen? Oder nicht? Muß es sie geben? Oder nicht?
Ich habe oben sinngemäß gefragt:
Worüber sprechen wir hier? Über das Lehren und Lernen von KK oder über den Aspekt, daß es zu begrüßen ist, wenn Menschen etwas miteinander tun und jemand versucht, sich selber zu entwickeln?
pilgrim sagte am 19 September 2011 - 22:12 Uhr:
Aber Behinderte die im Rollstuhl sitzen, sind in dieser Hinsicht nun mal nicht "normal", also müssen sie wohl andere Wege finden. Eine speziell auf Rollstuhlfahrer abgestimmte Trainingsweise muss da vielleicht noch entwickelt werden.
Wie gesagt Bei uns gibt es eine nicht sehr ausführliche, aber doch kontinuierliche Arbeit mit aikido im Rollstuhl. Sogar Lehrgänge dazu gab es. Dabei werden durchaus Möglichkeiten deutlich. Ich habe auch über einen längeren Zeitraum mit jemand trainiert, der ähnlich eingeschränkt war, wie der junge Mann in dem von Ingolf geposteten Video. Auch dabei wurden Möglichkeiten deutlich. Aber eben auch Grenzen. Und auch unsere Grenzen gehören zu uns. Ebenso wie die Arbeit daran, sie immer wieder zu überschreiten. Beides ist wichtig, denke ich. Und in diesem Spannungsfeld muß man sich - möglichst frei - bewegen. Wie immer im Leben.
Bearbeitet von pilgrim, 20 September 2011 - 09:59 Uhr.