ISBN 978-3-938305-12-6
364 Seiten
€ 23,80
„Gongfu“ auch bekannt als Kungfu bedeutet wörtlich übersetzt so viel wie „ein Ziel durch fortdauernde Anstrengung“ erreichen. Also betreibt jeder, der intensiv über einen längeren Zeitraum eine Sache studiert und übt Kungfu: Maler, Schriftsteller, Handwerker, Akrobaten etc. Und eben auch Kampfkünstler. Oder auch Kampfsportler. Und natürlich auch Kämpfer.
Diese Arten von Unterscheidungen werden in dem vorliegenden Buch sehr häufig gemacht, was sicherlich seine Berechtigung hat, denn all diese Begriffe mit dem Wort Kampf dabei beschreiben jeweils etwas deutlich anderes.
Maik Albrecht lebt seit über zehn Jahren in China, wobei er verschiedene Orte besucht hat und beschäftigt sich bereits seit mehr als zwanzig Jahren mit den Kampfkünsten. Er hat in China Meisterschaften gewonnen, hat einen Abschluss in Sinologie der Universität Wuhan und darf auch in China Chinesen unterrichten - so auch die Mitglieder von chinesischen SWAT-Einheiten. Die ARD hat seine Zeit in China in der Dokumentation „Herr Albrecht macht Wushu – Ein Deutscher kämpft in China“ 2006 der breiteren Öffentlichkeit vorgestellt und 2009 brachte CCTV eine mehrteilige Dokumentation über ihn in China heraus. Sein Co-Autor und Partner in vielen Bildern in diesem Buch ist selbst ein langjährig studierender Kampfkünstler, der sich gleichfalls intensiv mit China beschäftigt hat.
Zu Beginn des Buchs wird das Wushu sprachlich hergeleitet und definiert, wobei sowohl die Schriftzeichen, wie auch die Worte selbst eine mehr oder minder ausführliche Würdigung erfahren. Dabei wird vor allen Dingen auch das Stildebakel, das in Kampfkunstkreisen immer wieder zu hitzigen Diskussion führt als absurd beschrieben und das Wushu selbst mit der chinesischen Kultur und Philosophie verknüpft, wobei die Autoren hier schwerpunktmäßig den Daoismus betrachten.
In der Folge werden modernes und älteres Wushu einander gegenüber gestellt, wobei in den Augen von Herrn Albrecht das modernere Show- und Wettkampf-Wushu deutlich schlechter wegkommt, er das „richtige“ Wushu allerdings als vom Ausserben bedroht ansieht. Hierfür findet er verschiedene Gründe,, die er im Teil bei den Schülern und im Teil bei den Lehrern sieht. Dabei fällt er sehr oft in eine „früher-war- alles-besser“-Klage, die nach der dritten oder vierten Wiederholung ein wenig an Reiz zu verlieren beginnt.
Daneben beschäftigt sich Herr Albrecht auch ausgiebig mit dem Lehrer-Schüler-Verhältnis in den Kampfkünsten und zeigt dabei sehr deutlich auf, worin sich ein traditionelles Verhältnis dieser Art von den modernen Kungfu-Schulen unterscheidet. Er hat in seiner Zeit in China viele Meister mehr oder minder gründlich kennen gelernt, hat auch die Tochter seines Shifu geheiratet und so tiefere Einblicke bekommen, als dies sonst für Nicht-Chinesen möglich ist und sich im Rahmen von Gesprächen und seinen Studien sehr mit Berichten über Meister speziell auch des 19. Und beginnenden 20. Jahrhunderts beschäftigt. Hier zeigt er große Bewunderung für Menschen, die aus heutiger Sicht – und vielleicht auch in ihrer eigenen Zeit – moralisch durchaus fragwürdig gewesen sind und geht nur sehr am Rande darauf ein, wie oft sich bestimmte Erzählmuster in Meisterlegenden wiederholen. Bei dem Bezug auf Kämpfe in der Literatur beschränkt er sich leider nur auf „Im Marschland“ (auch bekannt als „Die Räuber/Rebellen vom Lianshan-Moor“) um über philosophische und historische Hintergründe zu sprechen und zieht nicht die durchaus auch einflussreichen „Der Königreiche“ und „Reise nach Westen“ mit in seine Betrachtungen ein, was besonders bei einer Technikbetrachtung interessant gewesen wäre. Dafür gibt es aber eine Menge anderer interessanter historischer Betrachtungen – etwa zu Dalei oder zur Kulturrevolution. Und es werden auch nicht-chinesische Stimmen zur Philosophie und Praxis des Kämpfens zu Wort kommen gelassen und auch nicht-chinesische Kampfkünste, wie das Kenjutsu und das europäische Boxen und Ringen werden hier stark gewürdigt.
Wenn es um das Wushu selbst geht, wird es dann aber wirklich interessant. Herr Albrecht zeigt mit seinem Co-Autor in kurzen Bilderserien Anwendungen, die auf traditionellen Stilen beruhen, führt Gong- und Dipan-Trainingsmethoden vor und lässt sich – leider etwas knapp – über das chinesische Dehnen aus. Außerdem betont er deutlich das überaus essentielle Stehen in den traditionellen Kampfkünsten und sein Effekt auf Gesundheit und Kampftüchtigkeit. Er nimmt bei seiner Darstellung einige Stil-Exoten mit ins Visier, die so eine nette Würdigung erfahren und zeigt, dass Wushu zu lernen eben lange dauert und eigentlich nie aufhört. In dem Zusammenhang geht er auch noch auf die Geschichte der Graduierung im Wushu ein, die eine relativ neue Entwicklung darstellt und in seinen Augen ein Fehler ist – bzw. der Kunst nicht wirklich gut tut. Eine Auffassung, der sicher mancher traditioneller Kampfkünstler gerne folgen wird.
Ein bisschen zu hinterfragen, in vielen Teilen aber sehr informativ und gerade im Bezug auf die klassischen Methoden sehr erhellend und auch weiterführend. Wie jeder Kampfkünstler, bringt Herr Albrecht aus seinen Erfahrungen mit seinen Lehrern eine Menge mit ein, wobei vielleicht ein wenig die kritische Distanz verloren gehen kann. Erstaunlich fand ich persönlich, dass gar nichts zur Bedeutung der Mediation gesagt wurde, die ich persönlich – auch im Zusammenhang mit dem Stehen – für sehr wichtig halte. Trotzdem – insgesamt sicherlich eine Bereicherung für jede Kampfkunst-Bibliothek.
K.-G. Beck-Ewerhardy



