ich stehe in Bezug zu diesem Thema auf dem Standpunkt, daß die Organisation nur ein Faktor ist, der die Ramenbedingungen vorgibt. Was aber die Qualität des Trainings betrifft, ist das doch etwas, was die jeweilige Schule bestimmt. Hier wurde schon der Versuch gemacht, den Begriff Qualität zu qualifizieren. Das hat natürlich sehr viel mit den Ansprüchen zu tun. Wer das Eine will, findet halt dort seine Qualität, wer etwas Anderes Will findet seine Qualität wo anders. Qualität ist also relativ.
Wie schon Brille schrieb, mißt sich die Qualität auch am Publikum. Nun mag die Zielgruppe mal breiter, mal enger gefaßt zu sein. Dabei kann man ganz klar feststellen, daß in einer breit gefaßten Zielgruppe Qualität schwieriger zu erreichen ist, als in einer sehr eng gefaßten Zielgruppe. Hat man eine homogene Interessentenstruktur, ist diese mit dieser einen Ausrichtung leicht zufriedenzustellen.
Es gibt aber auch einen ganz anderen Aspekt, der mitunter übersehen wird. Je größer eine Orga ist, die zudem breit aufgestellt sich an ein breites Publikum richtet, desto mehr kann sie ihr Klientel separieren und spezfisch ihrer Interessen ausbilden. Einerseits dadurch, daß sich Schüler an Schulen mit speziellen Schwerpunkten wenden, oder daß Schulen intern separieren. So verfügte beispielsweise die damalige Schule in Heidelberg in der Lenaustraße über eine spezielle Kampfklasse, die von entsprechend fähigen Kämpfern ausgebildet wurden.
Gut, dazu muß eine Schule auch erst einmal die notwendige Größe erreichen. Andererseits ist eine derartige „Spaltung“ innerhalb einer Schule auch nicht so ganz konflicktfrei. Schließlich werden solche Sektionen auch von den Mitgliedern wertend empfunden. Wer drin ist, ist schon aus Grund der Teilhabe der „Bessere“. Was faktisch aber Unsinn ist, da auch hier der Maßstab der Qualität nicht frei von der Zielsetzung ist.
Betrachtet man solche Zerspitterungen eines Stils in Kampfklasse, Motion-Kasse, Philisophie-Klasse oder Kinder-SV etc... dann wird man dem Stil nicht mehr gerecht, der für alle in gleicher Weise gültig sein muß. Der Stil als solches ist ja nicht separationsfähig. Man kann Wing Tsun nicht als reinen, puren Kampfstil ansehen und zugleich ihn als reinen Motion-Stil zur Entspannung. Das geht deswegen nicht, weil der Stil damit den Wert seiner Prinzipien verlöre. Man kann das nur tun, indem man vom Stil, abweichend vom Kerngedanken, dessen Inhalte zu anderen Zwecken nutzt. Man kann die Formen im Motion-System verwenden, aber dort nicht, um damit die Bewegung für den Kampf zu konditionieren, sondern, um über die Bewegungen sich zu entspannen oder fit zu halten. Das Interesse an Kampf nimmt in dieser Umgebung dann natürlich sofort ab.
Wing Tsun-Schulleiter befinden sich hierin möglicherweise einem Spagat ausgesetzt, die unterschiedlichen Bedürfnisse auf einen Nenner zu bringen. Manche Schulen bringen das gut zusammen, andere entscheiden sich für einen Schwerpunkt und jene, die nur den Kampf wollen, verengen ihren Interessenten-Kreis.
Damit verbunden ist die öffentliche Wahrnehmung. Ein Verband, der aus 200 Leuten besteht, von denen 20 Leute harte Kämpfer sind, wird in der Wahrnehmung als harte Truppe angesehen. Die gleichen 20 Jungs im Haufen aus 1000 Leuten sind immer noch harte Jungs, nur fallen die anderen nun deutlicher ins Auge. Eine auf das Interesse der 20 Jungs hin separierte Gruppe würde möglicherweise tatsächlich nur diese 20 Leutz beinhalten, dann aber schnell an finanzielle Grenzen stoßen, die auch diesen 20 Leuten zum Nachteil sind. Bedienen aber 1000 Leute die Schule, dann gibt es auch für diese 20 Jungs bessere Bedingungen. Nur fällt die Schule trotzdem nicht als besser ins Gewicht - der Durchschnitt ist weniger gut, als die dennoch besseren Guten.
Ich kenne keinen Schulleiter, dem das wurscht ist, aber viele Schulen, die im Interessenfeld des Schulleiters separiert sind. Und diese sind - nach ihren Ansprüchen - auch zugleich gut ... halt nur: Für wen? Eben, für das angesprochene Klientel.
Um auf den Verband zurückzukommen: Die Rahmenbedingungen sind für alle Schulen die gleichen. Insofern drängt auch der Verband in eine gewisse Richtung des Vergand-Interesse. Das ist soweit auch in Ordnung, da der Verband ja sein Interesse autark definiert und keine Zustimmung der Schulen benötigt. Und es funktioniert ja auch recht gut. Aber zu Zeiten von Paradigmenwechseln kann man deutlich feststellen, daß auch ganze Schulen sich verabschieden - dafür sich andere Schulen etablieren. Dies wäre besonders dann sogar tragisch, wenn der Paradigmenwechsel gar nicht globale Auswirkungen hat, aber von einzelnen Schulen nicht nachvollziehbar ist, in deren Vektor es sich gar nicht auswirkt. Würde beispielsweise der Paradigmenwechsel darin bestehen, in einer SV-Situation keinen Iras einzunehmen (warum auch immer), dann hätte das Auswirkungen in allen Sektionen, die sich mit SV befassen, nicht aber in Sektionen, die das System als Motion-System, vielleicht zur Meditation verwenden.
Der Verband muß eine Veränderung durchsetzten. Und genau damit wird er auf der einen Seite Personen verlieren, auf der anderen Seite aber Personen gewinnen. In Aussagen zur Qualität werden beide Gruppen das anders werten.
„Früher war alles besser“.... Nein, anders, nicht besser. Der Mensch verfügt aber über ein Gehirn, das Erinnerungen an vergangenes Gutes sich besser merkt, als vergangenes Schlechtes. Es liegt auf der Hand, daß unter diesen Umständen die Erinnerung an „Früher“ sich leichter an das Bessere erinnert, als an das Schwierige. Wenn ich mich daran erinnere, wie toll unsere Gemeinschaft in der ersten Schule von K.R. Kernspecht war, und wie schnell wir uns darin entwickelt haben, dann ist das halt nur die eine Seite der Medaille, die andere aber ist die, wie begrenzt wir zugleich waren in unseren Möglichkeiten, das System anzuwenden. Ist die Erinnerung an die gute alte Zeit mit einer kleinen Schule verknüpft, dann fallt auch eine entsprechende Bewertung über diese Schule aus. Selbst dann, wenn die heutige Schule viel mehr Möglichkeiten hat.
Man kann übrigens hinschauen, wo man will. Mit der Zeit reflektieren die Leute über ihre Verbände fast immer im Aktuellen negativer, als im Vergangenen. Das hängt eben auch daran, daß Verbände früher kleiner waren und damit einheitlicher, wie auch daran, daß in der Erinnerung es früher „immer“ besser war.
Gruß, WT-Herb
Bearbeitet von WT-Herb, 26 November 2011 - 02:34 Uhr.




