bugei sagte am 20 Januar 2012 - 00:05 Uhr:
Kaji bestreitet das ja ...
Ist das so? Ich hab das jetzt mal übeflogen und verstehe es eher dahin, daß er zum einen bestreitet, daß dieses Konzept so klar zu fassen sei, wie man es manchmal liest. Und zum anderen die spezifische Ausdeutung dieses Konzeptes.
So stellt Kajihei in Bezuf auf shu fest, daß es klassischerweis so etwas wie "beibringen" durch einen Lehrer gar nicht gibt. Sondern daß Lernen bedeutet:
Kajihei sagte:
Klappe halten und Wissen vom Lehrer stehlen. ... Er bringt dir nichts bei. Entweder du kommst selber drauf was er da gerade veranstaltet und verstehst es, oder ...
Was die Ausdeutung von ha angeht, sagt Kajihei:
Zitat
An dem Grundkonzept wird bitteschön gar nichts geändert, kein Iota. Da braucht man auch nichts zu Hinterfragen, weil wen man es verstanden hat muß man das bereits erledigt haben.
Und schließlich, mit Ausblick auf ri:
Zitat
Warum sollte man da auch was ändern ? Es funktioniert einfach perfekt.
Nach meinem Verständnis wiederspricht das überhaupt nicht der Tatsache, daß Lernen durch kata, d.h. durch überlieferte Formen, in denen sich die Erfahrung und das Wissen der Generationen vorher angereichert haben, in den Entwicklungstufen vollzieht, die mit shu ha ri bezeichnet werden.
Mir gefallen die Formulierungen von Ten-chi sehr gut:
ten-chi sagte am 20 Januar 2012 - 08:42 Uhr:
Es geht beim Shu-ha-ri meiner Meinung nach nicht darum etwas zu verändern. In den Koryu-Schulen gibt es dieses Prinzip, und auch dort werden Traditionen meist unverändert fortgeführt, außer jemand gründet einen neuen Stil und begründet eine neue Tradition.1
Shu-ha-ri bedeutet über das Studium der Form einen inneren Zustand der Freiheit von der Form zu erlangen.. Im shu-Stadium wird über des Üben der Form das Innere entwickelt und der Kern gefestigt, Im Ri-Stadium ist es umgekehrt, der gefestigte aber nun freie aber gerichtete Geist beeinflusst die Form, die sich deswegen aber nicht ändern muss. Sie drückt aber jetzt eine Haltung oder einen Zustand aus. Dies lässt sich auch aufs Handwerk übertragen.
1 Das hat aber aus nach meinem (dôshite/どうして) Verständnis nichts mit ri zu tun.
Das heißt aus meiner Sicht: shu ha ri bezieht sich auf eine Veränderung im Innen, die auf das Außen ausstrahlt. Ohne aber die Form des Außen unbedingt zu verändern. Shu ha ri bezeichnet die innere Entwicklung des Lernenden. Nicht die Veränderung des Lernstoffes.
Es gibt nur begrenzt viele sinnvolle Möglichkeiten mit einem bestimmten Hammer einen bestimmten Nagel in einen bestimmten Balken zu schlagen. Der Meister am Ende seines Berufslebens wird es der äußeren Form nach höchstwahrscheinlich nicht anders machen, als der Lehrling am ersten Tag. Und viele andere Meister und Lehrlinge vor ihm. Und doch wird sogar ein Laie den Unterschied zwischen Lehrling und Meister sehen.
bugei sagte:
Jetzt stellt sich mir die Frage, ist dieses Konzept wirklich allen japanischen Künsten* (nicht nur speziell den KK) inhärent?
Es gibt einen schönen Aufsatz, dessen Fundstelle mir leider im Augenblick nicht präsent ist, der das Lernen durch kata als ein charakteristisches japanisches Phänomen beschreibt. Verdeutlicht wird das anhand des Schreiben-Lernens in der Grundschule.
Wer sich mal mit Lehrbüchern für Japanisch beschäftigt hat, wird entweder auf die Aussage stoßen, daß man die Sprache nur durch striktes Auswendiglernen erlernen kann. Oder er wird - einige wenige - Bücher finden, die sich darauf berufen, daß man sich Japanisch nicht allein durch Wiederholung, sondern durchaus auch durch Bilder im Kopf aneignen kann.
Der Aufsatz, den ich meine, stellt jedenfalls fest, daß das Konzept nicht allen allen japanischen Künsten eigen ist, sondern dem Lernen in japanischen Kontexten überhaupt.
Zitat
Wie wird das Konzept im Gendai Budo angewandt bzw kommt es da überhaupt zum Tragen?
Im aikido, wie ich es kenne, ist es jedenfalls zugrunde gelegt. Und zwar in dem Verständnis, das Kaijihei andeutet und ten-chi ausformuliert.
Shava sagte am 20 Januar 2012 - 01:29 Uhr:
Ich denke, dass sich das Konzept - und das schrieb ich ja auch in o.g. Thread - auf zwei Ebenen betrachten lässt, nämlich auf der Mikro-Ebene (Prozess in der Technik) und auf der Makro-Ebene (Prozess in der Kunst).
Das nun glaube ich nicht. Ich meine nicht, daß sich die Entwicklung einer Kunst als ein dem Lernen des Einzelnen identischer Prozeß verstehen läßt. Und ich meine daher, daß die Begriffe shu ha ri nicht passen.
julian sagte am 20 Januar 2012 - 08:53 Uhr:
mich würde interessieren, ob jemand einen (älteren) Text kennt, in dem das Shuhari-Konzept vorkommt, und idealer weise auch eingehender behandelt wird. ...
Denn es stellt sich für mich schon seit einiger Zeit die Frage, ob, wann, wo und wie dieses Konzept in der Vergangenheit wirklich genauer formuliert wurde...
Ich wüßte keinen Text. Gibt es denn aber überhaupt ältere Texte, die sich mit dergleichen Phänomenen beschäftigen? Gibt es historische Texte, die das Thema "Lernen durch kata" beleuchten? Oder kann man in historischen Texten etwas über die Bedeutung eines menkyo kaiden lesen?
(Ich meine diese Fragen ganz ernst: Gibt es tatsächlich Texte, die solche Dinge reflektieren?)
julian sagte am 20 Januar 2012 - 09:19 Uhr:
Erhoffen: es würde mich einfach interessieren wie und wo das Konzept historisch verankert und behandelt worden ist.
Historische verankert ist es im Zusammenhang mit dem Lernen durch kata, mit der Frage, wann eine Lehrbfähigung erteilt werden kann oder soll, was wem bzw. welchem Schüler gezeigt werden darf. Und dergleichen. Ich meine, Friday hat in koryu bujutsu Bd. 2 mal dazu geschrieben. (kata and pattern practice oder so. Obs da aber ensprechende Fußnoten gibt, weiß ich nicht.)
OliKa sagte am 20 Januar 2012 - 11:22 Uhr:
denke das shu-ha-ri ist in Deutschland etwas anders als in Japan, und anders als in Gendai und Koryu, ...
Wie meinst du denn das?